Marktanalyse

Assekurata warnt: Riester-Reform wird für Lebensversicherer zum Stresstest

Die Lebensversicherer sind finanziell so gut aufgestellt wie lange nicht. Doch die Rating-Agentur Assekurata warnt: Ab 2027 könnte die Reform der geförderten privaten Altersvorsorge zum Stresstest für die Branche werden.

Altersvorsorge-Ordner

Die Lebensversicherer sind solide aufgestellt, doch ab 2027 dürfte die Reform der geförderten privaten Altersvorsorge den Wettbewerb um Vorsorgegelder spürbar verschärfen. | Quelle: Animaflora

Die deutsche Lebensversicherungsbranche steht solide da. Das zeigt der aktuelle Marktausblick der Kölner Rating-Agentur Assekurata. Höhere Neuanlagezinsen, sinkende Belastungen aus der Zinszusatzreserve (ZZR) und robuste Solvenzquoten verschaffen den Unternehmen demnach wieder mehr Spielraum. Doch ein Grund zum Ausruhen ist das laut Assekurata nicht. Denn mit der Reform der geförderten privaten Altersvorsorge ab 2027 werde sich der Wettbewerb um Vorsorgegelder spürbar verschärfen und das Geschäftsmodell der Lebensversicherer neu vermessen.

Die Reform soll die private Vorsorge flexibler, kostengünstiger und renditestärker machen. Kernstück ist die Öffnung für ein neues Altersvorsorgedepot ohne Garantie. Lebensversicherungsförmige Garantieprodukte sollen zwar weiter förderfähig bleiben. Sie stehen künftig aber stärker im direkten Vergleich mit Depot-, Fonds- und Plattformlösungen.

Mehr Wettbewerb um Vorsorgegelder

Für Lebensversicherer bedeutet das: Sie müssen sich nicht mehr nur mit anderen Versicherern messen, sondern auch mit Neobrokern, Robo-Advisorn und Fondsplattformen. Diese Anbieter prägen bereits heute die Erwartungen vieler Kunden an digitale Prozesse, niedrige Kosten und transparente Produktinformationen.

Assekurata sieht hier Nachholbedarf. „Die Lebensversicherung leidet nicht an fehlendem Vorsorgebedarf, sondern an einer Erlebnis-, Preis- und Transparenzlücke gegenüber digitalen kapitalmarktnahen Angeboten“, sagt Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse und Bewertung bei Assekurata. Kunden müssten transparent erkennen können, was sie für ihre Kosten als Gegenwert erhielten. Damit werde „Value for Money“ zunehmend zur Vertrauensfrage.

Leibrente muss neu erklärt werden

Neben der Ansparphase wird die Reform nach Assekurata-Einschätzung auch die Rentenphase „stärker in den Wettbewerb stellen“. Könnten Kunden künftig zwischen zeitlich befristeten Auszahlplänen und lebenslangen Renten wählen, müssten Lebensversicherer den Wert einer Leibrente verständlicher und flexibler vermitteln.

„Die lebenslange Verrentung ist kein Relikt aus alten Zeiten, sondern ein Kernnutzen der Lebensversicherung“, sagt Lars Heermann. „Allerdings gerät sie stärker unter Erklärungsdruck und muss im Kundengespräch plausibel erläutert werden.“ 

Kosten werden zum Prüfstein

Neben der Produktlogik rückt auch die Kostenseite stärker in den Fokus. Nach Berechnungen von Assekurata kostet die Verwaltung eines Lebensversicherungsvertrags aktuell rund 27 Euro pro Jahr. Vor fünf Jahren waren es noch rund 25 Euro, vor 15 Jahren weniger als 23 Euro.

Gleichzeitig schrumpft die Vertragsbasis. Seit 2011 ist der Bestand der Lebensversicherungsverträge um rund 10 Millionen auf zuletzt etwa 79 Millionen gesunken. Und während Einmalbeiträge 2025 erneut deutliche Wachstumsimpulse für das Neugeschäft lieferten (+17 Prozent), blieben die laufenden Beiträge nahezu unverändert.

Gute Ausgangslage

Dabei startet die Branche aus einer stabilen Position. Nach Assekurata-Berechnungen ist der Bestand der Zinszusatzreserve (ZZR) Ende 2025 erstmals wieder unter 80 Milliarden Euro gesunken. Damit liegt das Volumen bereits merklich unter dem historischen Höchststand von 96 Milliarden Euro aus dem Jahr 2021.

Zugleich verbessern höhere Neuanlagezinsen die Ertragsmöglichkeiten. Die Umsatzrendite der Branche liegt laut Assekurata inzwischen bei rund 18 Prozent. Zum Vergleich: In den Jahren der Niedrigzinsen fiel sie zeitweise auf unter 10 Prozent. Ab 2027 rechnet die Rating-Agentur mit noch höheren jährlichen ZZR-Rückflüssen, sodass die Umsatzrendite dann an die 20-Prozent-Marke heranreichen und diese ab 2028 sogar übertreffen dürfte.

Auch die Solvenzlage ist robust. Ende 2025 lag die durchschnittliche Solvenzquote der Lebensversicherer bei knapp 380 Prozent. Damit übertraf sie die aufsichtsrechtliche Mindestanforderung von 100 Prozent deutlich.

Stille Lasten bleiben Risiko

Trotzdem bleibt das Zinsumfeld ambivalent. Höhere Zinsen helfen zwar bei Neu- und Wiederanlagen und entlasten langfristig die Finanzierung von Garantien. Gleichzeitig drücken sie die Marktwerte bestehender Anleihebestände. Zum Bilanzstichtag 2025 lagen die stillen Lasten der Branche laut Assekurata bei rund 100 Milliarden Euro und damit fast wieder auf dem Höchststand von 2022.

Riester-Bestände im Blick behalten

Ein weiterer Risikofaktor ist der Bestand. Assekurata erwartet zwar, dass viele Lebensversicherer früh mit eigenen Produkten für die neue geförderte Altersvorsorge an den Markt gehen. Gleichzeitig könnten bestehende Riester-Kunden durch die Reform Wechselimpulse erhalten.

Übermäßige Abflüsse aus alten Verträgen könnten nicht nur die Bestandsfestigkeit belasten. Sie würden auch Anforderungen an die Liquiditätssteuerung in der Kapitalanlage erhöhen.

„Insgesamt haben die Lebensversicherer wieder mehr finanzielle Bewegungsfreiheit“, fasst Lars Heermann die Marktperspektiven zusammen. „Doch daraus entsteht kein Automatismus für neues Wachstum. Die Branche muss jetzt beweisen, dass sie ihre Stärken in eine einfachere, transparentere und kapitalmarktnähere Vorsorgelogik übertragen kann.“

Long Story short

  • Die Lebensversicherer stehen laut dem aktuellen Assekurata-Marktausblick finanziell wieder deutlich stabiler da: ZZR-Belastungen sinken, die Umsatzrendite liegt bei rund 18 Prozent und die Solvenzquote bei knapp 380 Prozent.

  • Ab 2027 erhöht die Reform der geförderten privaten Altersvorsorge den Wettbewerbsdruck, weil Lebensversicherer stärker mit Altersvorsorgedepots, Fondsplattformen, Neobrokern und Robo-Advisorn konkurrieren.

  • Entscheidend werden künftig Kosten, Transparenz und digitale Abschlussfähigkeit: Lebensversicherer müssen den Mehrwert ihrer Produkte und besonders der lebenslangen Verrentung verständlicher erklären.