81 Prozent der Leistungsanträge von Männern wurden 2024 anerkannt, bei Frauen waren es 77 Prozent. In mehr als 60 Prozent der abgelehnten Fälle wurde der vertraglich vereinbarte Berufsunfähigkeitsgrad nicht erreicht. Den zweiten Platz belegt die Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht — mit 28 Prozent bei Frauen und 25 Prozent bei Männern. Das geht aus der BU-Leistungspraxisstudie 2026 von Franke und Bornberg hervor. Die teilnehmenden Versicherer der Studie decken nach Angaben des Analysehauses mehr als 60 Prozent des deutschen BU-Marktes ab. Ausgewertet wurden Leistungsfälle aus dem Geschäftsjahr 2024.
Psychische Erkrankungen waren 2024 für beide Geschlechter die häufigste BU-Ursache, bei Frauen mit 29 Prozent der anerkannten Fälle, bei Männern mit rund 22 Prozent. Am zweithäufigsten waren bei Frauen Krebserkrankungen mit 15 Prozent. Bei Männern lagen Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems auf Platz zwei (19 Prozent), gefolgt von bösartigen Neubildungen mit 12 Prozent.
Mehr Anerkennungen bei Frauen zwischen 35 und 50 Jahren
Doch der generelle Anteil an Anerkennungen pro Geschlecht verändert sich mit dem Alter. Zwischen 35 und 50 Jahren haben Frauen eine deutlich höhere Anerkennungsquote als Männer. Der Grund dafür ist strukturell: 18 Prozent der Leistungsanträge von Frauen in dieser Altersgruppe gehen auf Krebserkrankungen zurück. Bei Männern gleichen Alters waren es nur zehn Prozent. Krebsdiagnosen weisen mit rund 95 Prozent die höchste Anerkennungsquote aller Diagnosegruppen auf.
Männer zwischen 35 und 50 stellten dagegen häufiger Anträge wegen psychischer Erkrankungen (32 Prozent) und Muskel-Skelett-Leiden (19 Prozent), zwei Diagnosegruppen mit niedrigeren Anerkennungsquoten als Krebserkrankungen. Erst ab 51 Jahren kehrte sich das Verhältnis um: Männer verzeichneten dann mehr Anerkennungen als Frauen.
Anstieg ab dem elften Vertragsjahr
Auch der Zeitpunkt, zu dem Versicherte ihren Antrag stellten, zeigt geschlechtsspezifische Muster, abhängig von der Diagnose: Bei psychischen Erkrankungen stellten Frauen bis zum 18. Vertragsjahr pro untersuchten Versicherer konstant zwischen 71 und 121 Anträge jährlich, danach stieg die Zahl auf ein Maximum von 194 im 22. Vertragsjahr. Bei Männern zeigte die Kurve einen markanten Ausschlag im elften Vertragsjahr und dafür gibt es eine plausible Erklärung: Versicherer können eine Ablehnung wegen Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht nur bis zehn Jahre nach Vertragsbeginn aussprechen. Nach dieser Frist sinkt das Ablehnungsrisiko, was Anträge wahrscheinlicher macht.
Deutlicher Unterschied im Auszahlungsbetrag bei Frauen und Männern
845 Euro, das ist die durchschnittliche monatliche Berufsunfähigkeitsrente, die Frauen 2024 erhielten. Bei Männern waren es 1034 Euro, die Differenz beträgt also 18 Prozent. Zum Vergleich: Der unbereinigte Gender Pay Gap in Deutschland lag laut Statistischem Bundesamt 2024 bei 16 Prozent.
Beim Anteil der Renten über 1000 Euro holen Frauen nur langsam auf: 33 Prozent der weiblichen Versicherten erhalten heute mehr als 1000 Euro monatlich, 2022 waren es rund 30 Prozent. Im oberen Segment jedoch wächst die Lücke im Vergleich zu 2022: Renten über 2000 Euro erhalten Männer mit 12,4 Prozent mehr als doppelt so häufig wie Frauen mit 6,32 Prozent.
Dabei wird deutlich: Die Ursache liegt nicht in der Regulierungspraxis, sie liegt im Absicherungsverhalten. Frauen schließen ihre BU-Versicherung im Schnitt mit 35 Jahren ab, Männer mit 36. Ein Risikobewusstsein beweisen damit durchaus beide Geschlechter. Der Unterschied in den gewählten Rentenhöhen zeigt jedoch, dass besonders Frauen dieses Risikobewusstsein nicht konsequent in ihre Absicherungsentscheidungen übersetzen. „Ob 845 Euro oder 1034 Euro - beides ist keine existenzsichernde Absicherung. Hier fehlt sowohl konsequentes Risikobewusstsein der Versicherten als auch entsprechende Qualität in der Beratung“, sagt Philipp Wedekind, Leiter Ratings Vorsorge und Nachhaltigkeit bei Franke und Bornberg.
long story short
BU-Anträge werden überwiegend anerkannt: 2024 lag die Anerkennungsquote bei Männern bei 81 Prozent, bei Frauen bei 77 Prozent. Häufigster Ablehnungsgrund war, dass der vertraglich vereinbarte Berufsunfähigkeitsgrad nicht erreicht wurde.
Die BU-Ursachen unterscheiden sich nach Geschlecht und Alter: Psychische Erkrankungen waren insgesamt die häufigste Ursache. Frauen zwischen 35 und 50 Jahren hatten jedoch besonders hohe Anerkennungsquoten, weil in dieser Gruppe häufiger Krebserkrankungen ausschlaggebend waren – und diese fast immer anerkannt werden.
Frauen erhalten deutlich niedrigere BU-Renten: Die durchschnittliche Monatsrente lag 2024 bei Frauen bei 845 Euro, bei Männern bei 1034 Euro. Laut Franke und Bornberg liegt das Problem weniger in der Regulierung, sondern vor allem in zu niedrigen Absicherungssummen – bei Frauen wie Männern.

