Kolumne

SpaceX an der Börse: Sternstunde oder Absturz?

Der Rekord-Börsengang von SpaceX und die Angst, etwas zu verpassen, treibt derzeit viele Anleger um. Auch den Hamburger Makler Gorden Isler erreichen Kundenanfragen. In seiner Kolumne nimmt er sich des Themas an.

Gorden Isler: Nachhaltigkeit in der Altersvorsorge

Versicherungsmakler Gorden Isler ist seit 2010 auch politisch bei den Grünen aktiv. | Quelle: Fairvendo

Wenn so ein Rekord-Börsengang die Schlagzeilen beherrscht, wird er schnell zum Gesprächsthema. Meine Kundinnen und Kunden fragen nach, diskutieren und möchten meine Einschätzung hören – oft auch dann, wenn sie selbst gar nicht investieren wollen. Die Fragen reichen von „Muss man da jetzt dabei sein?“ bis zu „Wie kann ich ausschließen, überhaupt darin investiert zu sein?“ – von der Angst, etwas zu verpassen, bis zum ausdrücklichen Wunsch, damit nichts zu tun zu haben. Letzteres hat sicherlich auch mit dem Unternehmer Elon Musk selbst zu tun. Unsere Aufgabe als Beraterinnen und Berater ist dabei nicht, die Euphorie unkritisch zu teilen. Sie besteht vielmehr darin, Orientierung zu geben, Risiken einzuordnen und einen besonnenen Blick auf die Fakten zu werfen.

Am 12. Juni 2026 startet SpaceX an der Nasdaq, der größte Börsengang aller Zeiten. Rund 75 Milliarden US-Dollar will Elon Musk einsammeln, bei einer Bewertung von etwa 1,75 Billionen US-Dollar; bis zu 30 Prozent der Aktien sollen an Privatanlegerinnen und Privatanleger gehen, dreimal so viel wie üblich.

Innovationen verdienen Aufmerksamkeit

Eines vorweg: Innovationen verdienen Aufmerksamkeit und Anerkennung – die Innovationen wohlgemerkt, nicht automatisch das Unternehmen oder der Unternehmer dahinter. SpaceX-Technologien haben den Zugang zum All verbilligt, Starlink bringt Internet in entlegenste Regionen der Welt, und die großen Menschheitsträume – die Rückkehr zum Mond, eines Tages eine Besiedlung des Mars, der Aufbau einer echten Weltraumwirtschaft – wirken heute greifbarer als je zuvor.

Das ist der Stoff, aus dem Sehnsüchte sind. Nicht nur bei eingefleischten Star-Trek-Fans, wie ich selbst einer bin. Und genau hier liegt meine größte Sorge: dass diese uralten Menschheitsträume nun ausgenutzt werden, um schlicht Kasse zu machen und dass die Begeisterung für eine mögliche Zukunft der Menschheit zum Verkaufsargument für ein beispiellos überbewertetes Wertpapier wird.

Worauf ich deshalb aufmerksam machen möchte, sind im Wesentlichen drei Punkte.

1. Verhindern kann man SpaceX im eigenen Depot wohl nur sehr schwer.

Bei dieser Größe lässt sich kaum vermeiden, dass die Aktie über kurz oder lang in praktisch jeden weltweit anlegenden Index wandert – und damit ins Depot fast aller ETF-Sparerinnen und -Sparer, ob sie wollen oder nicht. Wer einen MSCI World oder einen Nasdaq-100-ETF bespart, ist dann automatisch dabei, immerhin breit diversifiziert und nach Marktgewicht dosiert. Und das ist der eigentliche Punkt: Für eine Beteiligung braucht es die gezielte Einzelzeichnung gar nicht. Wer einzelne SpaceX-Aktien obendrauf kauft, baut zu einem Zeitpunkt zusätzliche Risiken auf, wo die Euphorie am größten ist.

2. Die Bewertung ist – passend zu einem Raumfahrt-IPO – astronomisch.

SpaceX soll mit rund dem rund 94-fachen seines Jahresumsatzes bewertet werden. Dafür setze ich den Umsatz des vergangenen Geschäftsjahres 2025 gerundet ins Verhältnis zum heutigen Börsenwert, der sich aus den aktuellen Aktienkursen ergibt – das sogenannte Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV). Zum Vergleich:

Unternehmen

Umsatz 2025

Börsenwert (Juni 2026)

Kurs-Umsatz-Verhältnis

SAP

36,8 Mrd. €

~190 Mrd. €

~5

Infineon

14,7 Mrd. €

~112 Mrd. €

~8

ASML

32,7 Mrd. €

~590 Mrd. €

~18

SpaceX (IPO-Ziel)

~18,7 Mrd. $

~1.750 Mrd. $

~94

ASML, Europas wertvollster Tech-Konzern und ein Quasimonopol, kommt auf ein KUV von rund 18 – und verdient dabei über neun Milliarden Euro. SpaceX schrieb 2025 rund fünf Milliarden US-Dollar Verlust und soll trotzdem fünfmal teurer bewertet werden. SpaceX ist damit rund 670-mal so teuer bewertet wie der größte Autobauer Europas Volkswagen. Selbst das unabhängige Analysehaus Morningstar sieht den fairen Wert bei etwa der Hälfte. Meine Einschätzung ist deutlich pessimistischer: Ich rechne mit einem kurzen Hype und danach mit einem kräftigen Einbruch – von bis zu 80 Prozent auf Basis der heutigen Bewertung. Denn irgendwann kehrt auch die wildeste Idee in die Realität zurück. Und selbst nach einem solchen Sturz läge das KUV noch leicht über dem von ASML heute. Ein Wert dieser Indexgröße fällt zudem nicht allein: Ein solcher Absturz könnte breite Indizes mitreißen und damit auch ganz andere, solide Depots in Mitleidenschaft ziehen.

3. Wer profitiert hier eigentlich?

Die ersten Investoren zahlten einen US-Dollar je Aktie, der Privatanleger zahlt jetzt 135. Reich werden vor allem die, die früh und billig drin waren: Musk selbst mit über sechs Milliarden Aktien, dazu Vertraute wie Antonio Gracias und Peter Thiel. Und die Konstruktion gibt den neuen Aktionären kaum Mitsprache: Privatanleger erhalten Aktien mit einer Stimme, Musk hält über Mehrstimmrechtsaktien rund 85 Prozent der Stimmen. Klagen vor Gericht und Sammelklagen sind faktisch aussichtslos, absetzen als CEO kann Musk nur Musk selbst. Diese Kombination – hohe Privatanlegerquote bei stark beschnittenen Mitbestimmungsrechten – muss man sich unbedingt klarmachen! Nicht nur für nachhaltig orientierte Anlegerinnen und Anleger disqualifiziert allein dieser Governance-Ansatz dieses Papier, noch bevor wir über Musks politische Rolle sprechen.

Die Sehnsucht der Menschen nach den Sternen ist echt, und sie ist aufrichtig. Nur ist der Börsengang eines Unternehmens nicht unbedingt ein Beitrag zur Zukunft der Menschheit, sondern schlicht ein Wertpapier zu einem Mondpreis. Wer dennoch dabei sein möchte, darf der Aktie ruhig ein Jahr geben, um sich auf dem Börsenparkett zu bewähren – bis sie sich enteuphorisiert hat, wenn man das so sagen darf, und die Realität besser abbildet als die Schlagzeilen von heute. Oder, wie es eine alte Börsenweisheit sagt: Trennen Sie sich von Ihren Emotionen, sonst trennen Ihre Emotionen Sie von Ihrem Geld.

Über den Autor Gorden Isler:

  • Seit 2006: Gründer und Geschäftsführer der fairvendo GmbH in Hamburg (unabhängiger Makler für nachhaltige Finanzen und ESG-Beratung).

  • Seit 02/2025: Stellvertretender Vorsitzender bei ökofinanz-21 e.V. (bundesweites Netzwerk für nachhaltige Vermögensberatung).

  • Seit 2018: Ehrenamtlicher Vorstand von Sea-Eye e.V.

  • 2010 – 2019: Gründer und Vorsitzender von Hamburger mit Herz e.V.* (lokale Sozialprojekte & internationale humanitäre Hilfe).

  • Seit 2010: Parteimitglied bei Bündnis 90/Die Grünen.