Kolumne
Longevity verändert die Finanzplanung

Die Rentenkommission brachte es noch einmal an den Tag: Deutschland steht längst inmitten einer demographischen Zeitenwende. Die Rest-Lebenserwartungen von Neu-Rentnern liegt mittlerweile bei circa 20 Jahren - Tendenz weiter steigend. Auf die eigene Biografie bezogen, heißt die Formel: Wer länger lebt, lebt auch immer länger. Das klingt banal, dahinter steckt aber eine wichtige Erkenntnis: Die Lebenserwartung steigt, weil mit jedem weiteren Lebensjahr Sterbewahrscheinlichkeiten überlebt werden. Hinzu kommt der Longevity-Trend: Mehr und mehr Menschen überlegen, wie sie länger gesund bleiben und ihrer Lebenserwartung noch etwas hinzufügen können.
Gleichzeitig sinkt in vielen Industrieländern die Zahl der Erwerbstätigen relativ zur Zahl der Rentner. Umlagefinanzierte Rentensysteme geraten dadurch weiter unter Druck. Erwerbsbiografien werden flexibler. Teilzeit, berufliche Auszeiten und sogenannte Micro-Retirements gewinnen an Bedeutung. Wer sich diese Freiräume leisten möchte, benötigt zusätzliche Einkommensquellen. Longevity im Kontext der ohnehin steigenden Lebenserwartung ist deshalb weit mehr als ein Gesundheitstrend. Es ist ein struktureller Wandel mit weitreichenden Folgen für die private Vermögensbildung und Altersvorsorge. Denn wer länger lebt, braucht länger Einkommen.
Kapitaleinkommen aus Dividenden und Kupons dürfte deshalb für viele Anleger zu einer zentralen Säule der finanziellen Freiheit werden. Dieses „zweite Gehalt“ schafft finanzielle Unabhängigkeit von der eigenen Arbeitskraft und hilft, Einkommenslücken zu schließen. Für die Kapitalanlage aber bedeutet das zweierlei: Wer bereits Vermögen gebildet hat, sollte überlegen, ob dieses für ihn hart genug arbeitet und regelmäßige Ausschüttungen mit sich bringt. Wer aber noch in der Aufbauphase ist, sollte lieber heute als morgen mit einem Sparplan beginnen. Gerade in Zeiten des demographischen Wandels muss unser Geld härter und länger für uns arbeiten. Auch das ist Longevity: Wer sich nicht um sein Einkommen sorgen muss, hat eine große Sorge weniger. Und das wiederum dürfte lebensverlängernd sein.
