procontra: Traditionelle Dachfonds werden oft für ihre hohen Kosten kritisiert. Wie passen Dachfonds noch in den Trend zu ETFs? Das Angebot an ETF-Dachfonds wächst, ebenso an aktiv gemanagten ETFs, um nur einige Stichworte zu nennen.
Michael Viehmann: Das ist eine sehr berechtigte Frage. Ich kann verstehen, dass man Kosten als Kritikpunkt sieht. Kostenbewusst zu sein ist richtig und erforderlich – wir sind es übrigens auch. Ich würde dem pauschalen Punkt „Kosten sind schlecht“ aber entgegenhalten, dass man erstmal prüfen sollte, wofür man bezahlt. Wir schaffen Zugang zu wirklich guten Managern und guten Strategien – immer mit dem Ziel, nach allen Kosten überdurchschnittliche Ergebnisse zu erhalten. Wir würden nie in einen Wettbewerb um die niedrigsten Kosten treten. Denn dann müssten wir bei der Qualität der Manager und der Anlageergebnisse Abstriche machen und das wäre aus Sicht unserer Anleger kontraproduktiv. Beim Thema aktive ETFs beschleicht mich der Eindruck, dass hier einige Fondsgesellschaften probieren, auf die ETF-Welle aufzuspringen.
procontra: Ist es nicht ein neuer Entwicklungsschritt?
Viehmann: Mit dem Begriff ETF sind die Anleger vertraut. Passiv Investieren mit niedrigen Kosten. Da reicht das Angebot von wenigen großen Fondsgesellschaften. Wenn sie da nicht dabei sind, können sie sich als Fondsgesellschaft mit ihrem Angebot nur abheben, wenn sie ihre eigene „aktive“ ETF-Strategie anbieten. Es ist schon erstaunlich, dass gerade jetzt nach dem Siegeszug der passiven ETFs die aktiven ETFs kommen. Wenn diese Fonds ein Mehrwert für Investoren gewesen wäre, hätte man sie schon vor 10 Jahren bringen können.
procontra: Was wären aus Ihrer Sicht größere Nachteile für aktive ETFs?
Viehmann: Fraglich ist, ob die jeweilige „aktive“ Strategie gute Ergebnisse liefert. Der Kern der Kritik der ETF-Branche an den aktiven Fonds ist ja, dass diese in der überwiegenden Mehrzahl langfristig gerade nicht den breiten Markt schlagen. Aus kommunikativer Sicht ist das die Quadratur des Kreises. Und diese aktiven Strategien sind im Vergleich zu einem klassischen Fonds in ihrem Handlungsspielraum auch noch eingeschränkter. Denn bei einem börsennotieren Fonds muss die Portfoliostruktur in der Regel bekannt sein oder zumindest kurzfristig nachvollziehbar sein. Außerdem können sie in der Regel nur in hochliquide Werte investieren. Ob diese Einschränkungen helfen, überdurchschnittliche Ergebnisse zu erzielen, werden wir sehen.
procontra: In welchen Märkten oder Anlagefeldern können sich herkömmliche Dachfonds nach Kosten noch lohnen?
Viehmann: Aus unserer Sicht ist ein Multi-Asset-Konzept prädestiniert, über einen Dachfonds umgesetzt zu werden. Weil man über viele Manager viele verschiedene Disziplinen abdecken kann. Wir sind global sehr breit gestreut. Schwerpunktmäßig investieren wir in Industrienationen, in die großen liquiden Märkte. Daneben in Schwellenländer und zu kleinen Teilen in Frontier-Markets.
Neben Standardwerten sind zum Beispiel amerikanische Mikro-Caps enthalten, japanische Mid-Caps und zahlreiche weitere Mid- und Small-Cap-Titel weltweit. Im Anleihen-Bereich haben wir nicht nur übliche Investment-Grade-Anlagen, sondern zum Beispiel auch Manager, die in kleinere Märkte gehen, die in Unternehmensanleihen aus kleineren Emissionen von guten Emittenten investieren. Wir nutzen außerdem Absolute-Return-Strategien.
procontra: Viele verschiedene Strategien und Manager kosten natürlich. Das ist nicht immer leicht zu rechtfertigen.
Viehmann: Für uns ist im Ergebnis das Preis-Leistungs-Verhältnis wichtig, nicht allein der Blick auf den niedrigsten Preis. Wir erwarten, dass unsere Manager nach Kosten bessere Ergebnisse abliefern als der breite Markt. Außerdem können wir über unseren Ansatz nicht nur klassisch in Aktien und Anleihen investieren, sondern auch Absolute-Return Strategien berücksichtigen. Das ermöglicht uns, breiter als viele andere zu diversifizieren.
In der Marktphase 2022 zum Beispiel, als die Inflationsraten und die Zinsen stark gestiegen sind, hatten wir bereits auf zinsunempfindliche Strategien gesetzt. Aus unserer Sicht lauerte im Zinsmarkt ein großes Risiko. Damals sagte man so schön, das renditelose Risiko. Als defensive Anlagen hatten wir daher bereits davor Absolut-Return-Strategien genutzt. Das hat 2022 einen erheblichen Mehrwert gebracht, weil wir weniger verloren haben als viele andere. Später haben wir wieder in den Anleihenbereich umgeschichtet.
Wir erwarten, dass unsere Manager nach Kosten bessere Ergebnisse abliefern als der breite Markt.Michael Viehmann
procontra: In welchen Bereichen sind herkömmliche Dachfonds schwächer?
Viehmann: Hochliquide Märkte mit einem Dachfonds zu schlagen, ist schwierig. Etwa wenn wir versuchen würden, den S&P 500 zu schlagen. Je standardisierter etwas ist – und der US-Aktienmarkt ist das Standardisierteste überhaupt –, ergibt es keinen Sinn. Oder etwa im Rentenbereich bei kurzlaufenden Staatsanleihen oder wenn man allein auf europäische Staatsanleihen fokussiert wäre. Insgesamt im Geldmarkt. Das wären Felder, in denen für sich genommen ein Dachfonds-Konzept keinen Sinn hätte.
Je mehr Vielfalt und je mehr Nischen man zulässt, umso besser. Zum Beispiel Small- und Mid-Caps oder weitere Nischenmärkte. Das kann man außerdem über ETFs nur schwierig oder teils gar nicht abbilden. Ich habe zum Beispiel noch keinen breit diversifizierten Multi-Asset-Ansatz passiv abgedeckt gesehen. Von daher denke ich, dass sich unsere Art zu investieren und ETFs gut ergänzen können. Da schaue ich mir gerne an, wie es sich weiter entwickelt.
procontra: Was würden Sie noch als nachteilig bei traditionellen Dachfonds hervorheben?
Viehmann: Der Nachteil eines traditionellen Dachfonds ist: Er ist erklärungsbedürftiger. Ich verstehe natürlich, wenn ein ETF als ein einfaches und kostengünstiges Investment beworben und als das gute Investment dargestellt wird. Wenn jemand auf diese Weise Zugang findet zum Investieren, ist das super. Wenn sie so vom Sparer zum Investor werden, etwa mit einem monatlichen Sparplan auf einen ETF, der einen Weltindex abbildet, dann ist das wunderbar. Das ist auch positiv für die Investmentkultur insgesamt. Wenn aber jemand in der Situation ist, größere Geldbeträge zu investieren oder einen weit gefächerten internationalen Ansatz wünscht, dann möchten wir über unsere Fonds mit einem bewährten Konzept und einer überzeugenden Performance eine starke Alternative bieten.
procontra: Wie sehen Sie die weitere Entwicklung herkömmlicher Dachfonds? Was müssen sie tun, um angesichts von Kostendruck und wachsendem ETF-Markt zu bestehen?
Viehmann: Entscheidend ist, mit welchem Konzept ein Dachfonds genutzt wird. Wir sagen: gute Manager, gute Strategien, breite Diversifikation. Das ist auch kosteneffizient. So können wir zu guten Konditionen hohe Geldsummen von einem Manager zu einem anderen Manager umschichten oder zu institutionellen Konditionen investieren. Insgesamt müssen Sie letztlich aber für Anleger einen Mehrwert schaffen: eine gute Performance, vielleicht weniger Schwankungen, ein gutes Chance-Risiko-Verhältnis, sodass Anleger sich wohlfühlen. Vielleicht sind sie kurzfristig nicht immer ganz vorn dabei. Aber mit einer breiten Streuung kann sie nicht viel umhauen. Wichtig: Langfristig muss die Rendite ihres Dachfonds nach Kosten stimmen.


