Interview
Anleihen im Kundendepot: „Investoren sehen Fiskalpolitik zunehmend kritisch“


Die Zinsen liegen heute höher als noch vor wenigen Jahren. Gleichzeitig ist aber auch die Inflation gestiegen, sodass die reale Verzinsung – also nach Abzug der Inflation – vor allem in Europa weiterhin niedrig bleibt. Zudem verlangen Anleger für Unternehmensanleihen derzeit nur geringe Risikoaufschläge. Das zeigt, dass die Märkte Ausfälle als wenig wahrscheinlich ansehen. Viele Unternehmensanleihen sind deshalb nicht mehr so günstig bewertet wie noch vor zwei oder drei Jahren.
In den USA hört man Stimmen, die vor einer „Bondkrise“ warnen. Wie beurteilen Sie die Situation dort?

Die USA weisen dauerhaft hohe Haushaltsdefizite auf und müssen immer mehr Staatsanleihen ausgeben. Anleger verlangen dafür inzwischen deutlich höhere Zinsen, vor allem bei langen Laufzeiten. Noch haben die USA keine Probleme, sich zu finanzieren. Die gestiegenen langfristigen Renditen zeigen aber, dass Investoren die Fiskalpolitik zunehmend kritisch sehen.

Die US-Staatsverschuldung liegt inzwischen bei rund 124 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, gleichzeitig steigen die Zinskosten kräftig. Anleger fragen sich daher, ob die Verschuldung langfristig tragfähig bleibt. Einen festen Punkt, an dem das Vertrauen verloren geht, gibt es zwar nicht. Klar ist aber: Je höher Schulden und Zinslast steigen, desto höhere Renditen verlangen Investoren.

Den Zeitpunkt kann niemand seriös vorhersagen. Solange das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit der USA besteht, funktioniert das System. Die USA sind jedoch der wichtigste Anleihemarkt der Welt. Steigen dort die Renditen, wirkt sich das häufig auch auf Europa aus. Für Anleger bedeutet das vor allem: breit diversifizieren. Höhere Zinsen können kurzfristig belasten, eröffnen langfristig aber wieder attraktivere Ertragschancen bei Anleihen.

Im aktuellen Umfeld sollte niemand alles auf eine Karte setzen – insbesondere nicht auf wenige Technologiewerte. Neben Aktien können Unternehmensanleihen das Portfolio sinnvoll ergänzen. Auch ausgewählte Hochzinsanleihen können interessant sein, wenn sie breit gestreut und professionell ausgewählt werden. Die regelmäßigen Zinszahlungen sorgen für laufende Erträge und können Kursschwankungen im Gesamtportfolio abfedern.
Rasant steigende Staatsverschuldung lässt Zinsen steigen.
Höhere Zinsniveaus weisen auf einen Vertrauensverlust hin.
Investoren schichten zunehmend in Unternehmensanleihen um.
