Neue Herausforderungen für Anleger

Anleihemärkte unter Druck: Warum jetzt ein Depot-Check nötig ist

Die Verschuldung der Staaten erhöht die Nervosität der Anleger und lenkt den Blick auch auf Unternehmensanleihen. Doch die jüngsten Turbulenzen bei Zinspapieren legen erst einmal einen Depot-Check nahe.

Händler an der Wallstreet beobachten Kursverläufe.

Händler an der Wallstreet in New York: Der Markt für Staatsanleihen ist unter Druck geraten. | Quelle: picture alliance / Newscom | MONIKA GRAFF

Junge Menschen entdecken den Aktienmarkt. Laut Deutschem Aktieninstitut besaßen Ende 2025 rund 4,9 Millionen Frauen und Männer unter 40 verbriefte Anteile an Unternehmen, zumeist über Investments in Fonds. Das war ein Plus von 1,2 Millionen gegenüber dem Vorjahr.

Die wachsende Liebe zu Aktien ist schön und gut. Aber was ist mit Anleihen? Finanzberater wissen: Vor allem ältere Anleger können kaum auf zinsbringende Wertpapiere verzichten. Denn die bieten laufende Einnahmen und die Rückzahlung des Kapitaleinsatzes nach einer vereinbarten Laufzeit – also Sicherheit! Wer 50, 60 oder sogar im Rentenalter ist, hat kaum Zeit, zwischenzeitliche Aktienkursverluste einfach „auszusitzen“. 

Sicherheit schwindet

Professionellen Finanzberatern ist nicht entgangen, dass diese Sicherheit Kratzer bekommen hat. Hier ist Beratungsbedarf entstanden. Die Unruhe geht von den USA aus und strahlt auf den Rest der Welt aus. Im Mai sprang die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen auf 5,2 Prozent, das höchste Niveau seit 2007 – dem Jahr, als die globale Finanzkrise von Amerika aus ihren Lauf nahm. Zeitgleich erreichten zehnjährige deutsche Bundesanleihen mit 3,1 Prozent ein 15-Jahres-Hoch. Auch in anderen Ländern zogen die Renditen an bzw. fielen die Bonds-Kurse.

Der weltweite Renditesprung macht Investoren nervös. „Das größte Risiko für die Weltwirtschaft ist das Ausmaß des Schocks bei globalen Anleiherenditen“, sagte Jim McCormick, Bondexperte bei der Citigroup, im Mai dem Sender CNBC. Und Jamie Dimon, Chef von J.P. Morgan, warnte an gleicher Stelle vor einer „Art Anleihekrise“.

Bei einer Umfrage der Bank of America unter Fondsmanagern schafften es die Bond-Turbulenzen auf Platz drei der Angstmacher. Ganz oben steht die Furcht vor Zweitrundeneffekten bei der Inflation. Damit gemeint sind „steigender Lohndruck oder Engpässe bei Düngemitteln und fossilen Nebenprodukten“ als Spätfolgen des Iran-Krieges und der Sperrung der Straße von Hormus, erklärt Elida Rhenals von BNP Paribas Asset Managment. Dann müssten Notenbanken womöglich ihren Leitzins erhöhen, was auch die Kupons neuer Anleihen hochtreibt.

Fiskalpolitik im Fokus

Inflationserwartungen sind wichtig für die Entwicklung von Renditen und Kursen. Zunehmend schauen Investoren aber auch auf die Fiskalpolitik der Staaten. Denn auch das Schuldenmachen treibt das Zinsniveau in die Höhe respektive die Kurse in den Keller. Selbst Deutschland verschuldet sich neuerdings im großen Stil. Zwar lag die Staatsschuldenquote in Relation zum Bruttoinlandsprodukt Ende 2025 „nur“ bei 64 Prozent, die Tendenz zeigt aber steil nach oben. Die USA kommen auf eine doppelt so hohe Quote und haben unter Präsident Donald Trump ebenfalls weitere gewaltige Kreditaufnahmen angekündigt. Doch die werden immer schwieriger und teurer. Allein um den Zinsdienst für ausstehende Anleihen zu bedienen, muss das US-Finanzministerium Medien zufolge mittlerweile jedes Quartal mehr als 300 Milliarden Dollar hinblättern – auch durch neue Schulden.

Das Treasury muss die neuen Bonds mit höheren Kupons ausstatten, um sie überhaupt am Markt unterbringen zu können. Um die Kosten zu senken, begeben die USA vor allem kurzfristige Staatsanleihen (T-Bills). Hier sind die Kupons nicht so hoch und lagen laut Ulrich Stephan, Chefanlagestratege bei der Deutschen Bank, im Juni für eine Laufzeit von sechs Monaten aber auch schon bei 3,8 Prozent.

Klettert die Inflation weiter und reagiert die US-Notenbank Fed mit Leitzinserhöhungen, dürfte sich die Finanzierung der Regierung weiter verteuern. „Stärkere Renditeanstiege könnte die Fed mit Ankäufen von T-Bills zu deckeln versuchen“, skizziert Stephan ein von Finanzkrisen bekanntes Szenario: Hilfe für klamme Staaten durch – bildlich – das Anwerfen der Notenpresse.

Optimisten sprechen von Kaufkursen

Was bedeuten die dunklen Wolken am (amerikanischen) Anleihemarkt für Anleger? procontra fragte nach und erhielt ein geteiltes Bild. Die Zuversichtlichen verweisen auf wieder attraktiv hohe Zinsen. Und falls die Inflation sinkt, steigt auch die reale Rendite. Die Pessimisten blicken auf die angespannte Haushaltslage in den USA. Der Investor Jeffrey Gundlach warnt laut Bloomberg sogar vor einer US-Schuldenrestrukturierung, also zum Beispiel dem Zwangsumtausch höher verzinster Staatsanleihen gegen Papiere mit niedrigeren Zinszahlungen. Das hätte ein weltweites Beben an den Finanzmärkten zur Folge. Für Gundlach ist das ein „höchst unwahrscheinliches Szenario“, das es zu verstehen gelte.

Immerhin erkennbar: In diesem Umfeld scheint sich die Anlagestrategie durchzusetzen, Unternehmens- statt Staatsanleihen zu kaufen. Tobias Schmidt, Leiter Portfoliomanagement bei Union Investment, begründet das mit einer Bonitätsverschiebung. „Die Staatsverschuldung steigt tendenziell an, während die Unternehmensverschuldung stabil ist.“ Es finde ein Paradigmenwechsel statt. Corporate Bonds mit guter Kreditwürdigkeit würden die Rolle von Government Bonds übernehmen; sie seien „eine Art neuer sicherer Hafen“. 

Bei der Laufzeit wiederum greifen Investoren aktuell eher zu Fristen bis 5 Jahre statt 10 oder 30. Die Kurse von Kurzläufern reagieren nicht so stark auf Marktzinsänderungen und bieten mehr Sicherheit. „Wir sind vorsichtig bei längerfristigen US-Staatsanleihen, da strukturelle Bedenken hinsichtlich der fiskalischen Tragfähigkeit und Inflation stärker ausgeprägt sind“, berichtet auch Sam Vereecke, Chefanlagestratege für Anleihen beim Asset-Manager DPAM. Mit „fiskalischer Tragfähigkeit“ ist vor allem die Relation von Zinskosten zu Staatseinnahmen gemeint. Auch Schuldenmachen muss man sich leisten können.

Fondsmanagement wird wichtiger

Festzuhalten bleibt, dass ein Investment in Anleihen mehr Differenzierung erfordert. Die Titelauswahl sollte man Profis überlassen. Die Ratingagentur Scope nennt in einer aktuellen Studie mehrere „konstant starke Rentenfonds“. Im Investment-Grade-Segment des Euroraums ist dies zum Beispiel der Axa WF Euro Credit Total Return (ISIN LU1164219682). Der Fonds investiert in Unternehmens- und Staatsanleihen und hat über fünf Jahre eine Rendite von 4,1 Prozent p. a. erzielt. Auf die gleiche Performance kommt Dodge & Cox Worldwide Global Euro Fund (IE00B5568D66). Enthalten sind auch Anleihen von Schwellenländern. Im Bereich hochverzinsliche europäische Unternehmensanleihen kommt der Lazard Euro Corp High Yield Fund (FR0010597138) über fünf Jahre auf eine Wertentwicklung von 4 Prozent p. a. 

Ob es eines Tages zu einer Bondkrise kommt, bleibt abzuwarten. Turbulenzen gibt es auch am Aktienmarkt, sogar häufiger – die können ältere Kunden nicht „aussitzen“. Allein deshalb können Investments in Rentenfonds sinnvoll sein. Bei der Auswahl ist die Qualität des Fondsmanagements wichtig – dann klappt’s auch mit der Rendite.

Long Story short

  • Rasant steigende Staatsverschuldung lässt Zinsen steigen.

  • Höhere Zinsniveaus weisen auf einen Vertrauensverlust hin.

  • Investoren schichten zunehmend in Unternehmensanleihen um.