60:40 war gestern: Warum Finanzberater Portfolios jetzt neu denken sollten
Die Kapitalanlage verändert sich. Klassische Aktien-Anleihe-Portfolios geraten unter Druck und mit dem geplanten Altersvorsorge-Depot rückt kapitalmarktorientierte Vorsorge stärker in den Fokus.
Für Finanzberater bedeutet das: Sie müssen Portfolios künftig breiter denken und Kunden stärker erklären, welche Rolle klassische Anlagen, alternative Investments und illiquide Bausteine im langfristigen Vermögensaufbau spielen können.
Darüber diskutierten am Mittwoch Nico Auel, Vorstand bei Munich Private Equity, Holger Schröm, Senior Client Advisor bei J.P. Morgan Asset Management, und Peter Schwark, Sprecher des Deutschen Instituts für Altersvorsorge, beim Expertentalk „Neue Wege zum Vermögensaufbau“ auf der digitalen Messe- und Weiterbildungsplattform profino, die wie procontra zum Alsterspree Verlag gehört.
Ergänzend zeigte Philipp Schröter, Leiter Relationship Management bei Munich Private Equity, in einem Referat auf, wie Private Equity im Privatkundengeschäft eingeordnet und beraten werden kann.
Neue Portfoliologik für Finanzberater
Das 60:40-Portfolio aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen galt lange als Orientierung für ausgewogene Anleger. Ganz verschwinden wird dieser Ansatz nach Ansicht der Experten zwar nicht, er ist in ihren Augen aber zu kurz gedacht.
Für Nico Auel sollte ein Portfolio nicht von Anlageklassen, sondern von Kundenzielen her gedacht werden. Braucht der Kunde Liquidität? Laufende Ausschüttungen? Langfristigen Wertzuwachs? Inflationsschutz? Oder möglichst hohe Sicherheit?
Für Finanzberater ist das ein wichtiger Perspektivwechsel. Die Frage lautet nicht zuerst, ob ein Kunde 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen braucht. Entscheidend ist, welche Funktion ein Baustein im Gesamtportfolio erfüllen soll.
Larry Fink bringt 50:30:20 ins Spiel
Wie stark sich die Diskussion verschoben hat, zeigt eine aktuelle Einschätzung von Larry Fink. Der Black-Rock-Chef glaubt, dass der künftige Portfolio-Standard eher aus 50 Prozent Aktien, 30 Prozent Anleihen und 20 Prozent privaten Anlagen bestehen wird.
Zu diesen privaten Anlagen zählen etwa Infrastruktur, Immobilien, Private Credit oder Private Equity. Der Gedanke dahinter: Anleger sollen nicht nur über öffentliche Märkte diversifizieren, sondern auch an Wertschöpfung abseits der Börse teilhaben. Die Anlagen bringen aber auch Besonderheiten mit sich: längere Laufzeiten, geringere Liquidität, höhere Komplexität und mehr Erklärungsbedarf.
Eine wichtige Rolle spielt dabei der European Long-Term Investment Fund, kurz ELTIF. Durch die überarbeitete Regulierung können solche Produkte Privatanlegern leichter zugänglich gemacht werden als früher.
Damit verändert sich nach Einschätzung des Experten der Zugang zu Private Markets. Was bislang oft nur institutionellen Investoren oder sehr vermögenden Kunden offenstand, kann nun stärker in standardisierte Beratungsprozesse rücken.
Dachfonds statt Einzelwette
Genau hier setzt Philipp Schröter von Munich Private Equity an. Er sieht Private Equity als Anlageklasse, die für Privatanleger zwar relevanter wird, aber nicht selbsterklärend ist. Der Markt sei komplex, die Zahl der Private-Equity-Manager groß und die Strategien sehr unterschiedlich.
Für Finanzberater entstehe daraus eine wichtige Rolle. Sie müssten Kunden nicht nur Zugang zur Anlageklasse verschaffen, sondern sie strukturiert einordnen. Private Equity sei ein langfristiger Baustein für Kunden, die ausreichend Vermögen, einen langen Anlagehorizont und die nötige Risikotragfähigkeit mitbrächten.
Als geeigneter Einstieg gilt aus seiner Sicht ein breit gestreuter Dachfondsansatz. Dabei investiert der Kunde nicht direkt in ein einzelnes Unternehmen, sondern mittelbar über mehrere Private-Equity-Fonds in viele Unternehmen, Branchen und Regionen.
Illiquidität muss klar benannt werden
Der wohl wichtigste Punkt in der Beratung bleibt die Illiquidität. Private Equity ist langfristig angelegt. Kunden können ihr Geld nicht jederzeit wie bei einem ETF oder Aktienfonds verkaufen. Das muss im Gespräch klar benannt werden.
Schröter sieht darin aber nicht nur einen Nachteil. Illiquidität kann Anleger aus seiner Sicht auch vor vorschnellen Entscheidungen schützen. Gerade in turbulenten Marktphasen neigten Kunden dazu, zu verkaufen und spätere Erholungen zu verpassen. Ein langfristig gebundener Baustein könne helfen, die Strategie durchzuhalten.
Fazit: Mehr Möglichkeiten, mehr Verantwortung
Die Kapitalwelt wird breiter. Aktien, Anleihen und klassische Vorsorgeprodukte bleiben wichtig. Doch Private Markets, ELTIFs und neue Altersvorsorgelösungen erweitern den Werkzeugkasten für Finanzberater deutlich.
Der 50:30:20-Gedanke zeigt, wohin die Reise gehen könnte: weniger starre Portfolios, mehr private Anlagen, mehr strategische Diversifikation. Doch aus neuen Möglichkeiten folgt auch mehr Verantwortung. Private Equity und andere Private-Market-Bausteine müssen sauber erklärt, sorgfältig ausgewählt und passend dosiert werden.
Long Story short
Das klassische 60:40-Portfolio aus Aktien und Anleihen wird zunehmend hinterfragt. Für Finanzberater rückt stärker die Frage in den Vordergrund, welche Funktion einzelne Bausteine im Kundenportfolio erfüllen sollen.
Private Markets wie Private Equity, Infrastruktur oder Private Credit gewinnen als zusätzliche Portfolio-Bausteine an Bedeutung. ELTIFs erleichtern den Zugang für Privatanleger, erhöhen aber zugleich den Erklärungs- und Prüfbedarf in der Beratung.
Private Equity kann langfristig Renditechancen und Diversifikation bieten, ist aber nicht für jeden Kunden geeignet. Entscheidend sind ausreichende Liquidität, ein langer Anlagehorizont, Risikotragfähigkeit und eine klare Einordnung im Gesamtportfolio.
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