Interview
Berufsunfähigkeit: Experte sieht keinen Trend zu laxeren Risikoprüfungen

Gibt es aktuell im Markt einen merklichen Trend hin zu laxerer BU-Risikoprüfung?

Tatsächlich kann ich nicht feststellen, dass ein allgemeiner Trend aller Versicherungen zu einer schwächeren Risikoprüfung zu beobachten ist. Das ist tatsächlich von Versicherer zu Versicherer sehr unterschiedlich und ändert sich teilweise auch von Monat zu Monat. Einige Versicherungen fallen mit Tendenzen bei bestimmten Erkrankungen auf. Zum Beispiel prüft die Alte Leipziger psychische Erkrankungen sehr gut und individuell und das führt öfters mal zu einer Annahme in Fällen, bei denen andere einen Ausschluss machen. Die Allianz ist aktuell das genaue Gegenbeispiel und votiert aus meiner Sicht extrem hart bei psychischen Vorerkrankungen.
Laut dem Analysehaus Franke und Bornberg wird der Preiskampf in der Berufsunfähigkeitsversicherung seit Jahren so hart geführt, dass der Kampf um die ‚guten BU-Risiken‘ zunehmend über Zugeständnisse bei der Risikoprüfung erfolgt. Sehen Sie das anders?

Anders als Franke und Bornberg sehe ich das Bild eher differenziert. Mit ganz wenigen Ausnahmen fällt mir keine Versicherung auf, die durch die Bank weg bei allen Berufen im Preisvergleich ganz oben ist. Die meisten Versicherungen haben ihre ‚Lieblingsberufe', in denen Sie dann preislich vorne sind. In anderen sind sie dann wieder teurer.
Sie sehen also weiterhin eine sinnvolle Selektion im Markt anstatt ein ‚Einsammeln‘ der Akademikerinnen und Akademiker um jeden Preis?

Ganz aktuell ist mir das bei den Medizinstudenten aufgefallen. Baloise und HDI sind bei Humanmedizinern sehr gut preislich positioniert, bei Zahnmedizinern werden diese dann aber deutlich teurer. Andere haben für beide Studiengänge einen einheitlichen Beitrag, der dann für die Humanmediziner etwas teurer, für die Zahnmediziner aber wieder günstiger ist.
Aus Ihrer Sicht besteht also keine Gefahr für einen breiten Anstieg der BU-Beiträge in den nächsten Jahren?

Nein, denn die Versicherungen haben grundsätzlich kein Interesse an steigenden Zahlbeiträgen. Dies würde zu einer Antiselektion führen, also dass die Kranken bleiben und die Gesunden gehen. Ähnliche Zuschussgeschäfte wie bei der WWK oder Hansemerkur vor einigen Jahren, um Kunden zu locken, kann ich aktuell nicht sehen. Auf gar keinen Fall in der breiten Masse.
