LV-Check: Bei diesen Lebensversicherern drohen stille Lasten

Matthias Hundt LV-Check Versicherungen Top News

Die Zinserhöhung erleichtert die Lebensversicherer und hat Effekte in den Bilanzen. Stille Reserven schmelzen, was aber mehr eine Momentaufnahme, denn ein Problem darstellt.

Bild: Getty Images Apiruk

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Die Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) um 50 Basispunkte im Juli dieses Jahres läutete die lang ersehnte Zinswende ein. Die nächste steht im September an und ist zwingend notwendig, um die Inflation wieder in Richtung Normalniveau von 2 Prozent zu bewegen. Im Juli lag die Inflationsrate im Euroraum bei 8,9 Prozent (Juni: 8,6 %) im Vergleich zum Vorjahr.

Für Dr. Guido Bader, Past President der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), ist die Zinserhöhung zwar ein erster wichtiger Schritt, aber noch lange nicht ausreichend, um die Inflation wieder in den Griff zu bekommen: „Es ist ein erstes Signal. Allerdings implizieren die Kapitalmärkte derzeit bereits eine Zinserhöhung in Europa von weit über einem Prozent. Ich gehe davon aus, dass die nächste Erhöhung im September mindestens 50 Basispunkte betragen wird und wir bis Ende des Jahres einen Leitzins von deutlich über einem Prozent sehen.“

Aus stillen Reserven werden stille Lasten

Die lang ersehnte Zinswende tangiert auch die deutschen Lebensversicherer. Einerseits können sie nun endlich wieder Kupons bei festverzinslichen Wertpapieren einkaufen, die über der durchschnittlichen Garantie im Bestand liegt. Andererseits haben die Lebensversicherer noch jede Menge Zinspapiere in den Büchern, mit langen Laufzeiten und geringen Zinskupons.

Während also der Bestand festverzinsliche Kupons von nur 0,5 oder 1 Prozent ausweist, sind in der Neuanlage aktuell schon 2 bis 3 Prozent möglich. Logische Folge: Der Kurswert im Bestand geht zurück, die Bewertungsreserven schmelzen. Aus stillen Reserven werden stille Lasten. Auch wenn sich diese bei festverzinslichen Wertpapieren – ebenso wie stille Reserven – zum Laufzeitende automatisch auflösen, wird es die Lebensversicherer noch ein paar Jahre herausfordern.

„Solange keine Papiere, aufgrund von Downgrades durch Ratingagenturen abgeschrieben werden müssen, können die stillen Lasten einfach ausgesessen werden“, beruhigt Bader. Bis dahin überwiegt ein anderer Effekt – steigende Solvenzquoten. Die hohe Zinssensibilität der Kapitalanlagebestände war bislang problematisch, da aus niedrigen Zinsen auch niedrige Solvenzquoten resultierten. Das kehrt sich nun um. „Die Solvenzquoten sind bereits seit 2021 deutlich angestiegen und werden ihren Positivtrend auch 2022 fortsetzen“, prognostiziert Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse und Bewertung bei Assekurata. Er fügt an, dass sich durch diese Wende auch das Hauptaugenmerk im Rating wieder von Solvency II auf die HGB-Situation rund um die stillen Lasten verlagert, wo steigende Zinsen belastend wirken. Die Solvenzquoten lagen Ende 2021, ohne Übergangsmaßnahmen, im Schnitt bereits bei 250 Prozentpunkten. Ein Wert von etwa 300 Prozent wird für Ende 2022 erwartet, je nachdem wie hoch der nächste Zinsschritt ausfällt.

Zwar verringert sich durch die Abnahme der stillen Reserven die Manövriermasse der Lebensversicherer, dennoch ist die Zinserhöhung ein deutlicher Segen. Gerade mittel- bis langfristig überwiegt daher die Erleichterung bei den Anbietern. Immerhin können sie nun endlich wieder festverzinsliche Wertpapiere einkaufen, deren Kupons oberhalb des durchschnittlichen Garantieniveaus im Bestand liegen. „Aus Unternehmenssicht ist die Zinswende zunächst sehr erfreulich, insbesondere als positiver Impuls für rentierliche Altersvorsorgestrategien“, meint etwa Dr. Immo Dehnert, Leiter Kommunikation und Pressesprecher der W&W-Gruppe für die Württembergischen Lebensversicherung. Dehnert hegt auch die Hoffnung, dass bei einer Stabilisierung des Zinsumfeldes die Überschussbeteiligungen für die Kunden mittelfristig wieder steigen könnten.

Reservequoten gehen zurück

Im aktuellen procontra LV-Check 2022 wird der Effekt sinkender Reservequoten bereits deutlich. Die Reservequote stellt die Relation zwischen Zeitwert zum Stichtag (hier Ende 2021) und dem Buchwert (Kaufwert) der Kapitalanlagen dar. Der Durchschnitt der Lebensversicherer im LV-Check 2022 weist eine Reservequote von 15,3 Prozent bei Bewertungsreserven von rund 146 Milliarden Euro auf. Dieser Puffer lässt also noch viel Spielraum. Bei insgesamt 20 Anbietern notiert die Reservequote bereits unter 10 Prozent. Nachfolgend die zehn Anbieter mit den geringsten Reservequoten im Markt (Stand Ende 2021).

#01 myLife - 2,46 Prozent Reservequote