Mehr Vollversicherungen in der PKV: Makler präsentieren Wunschliste

Hannah Petersohn Versicherungen Top News

Die PKV-Vollversicherung hat ein Problem: Die Mitgliederzahlen sind rückläufig. Während der PKV-Verband die Versicherungspflichtgrenze dafür verantwortlich macht, kritisieren andere Experten die Komplexität der Versicherung. Doch was sagt die PKV-Maklerschaft?

Expertenumfrage: Das sollte sich in der PKV ändern Bild: LeManna

Die PKV steht am Scheideweg: Wie können neue Kunden für die Vollversicherung gewonnen werden? Bild: LeManna

Die PKV hat ein Problem: Die Zahlen in der Vollversicherung stagnieren nicht nur, sie sinken auch sukzessive. Waren vor elf Jahren noch neun Millionen Menschen komplett privat versichert, sind es im vergangenen Jahr 8,7 Millionen Personen gewesen – obwohl seit 2018 wieder mehr Menschen aus der GKV in die PKV wechseln. Und die Anzahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst gestiegen ist, es also mehr Vollversicherte geben müsste.

Experten des Analysehauses Assekurata vermuten, dass hinter den schwächelnden Zahlen ein Zugangsproblem steckt: Demnach sei die PKV zu erklärungsbedürftig. Versicherern würde es nicht gelingen, die gutverdienende Klientel als Kunden zu gewinnen.

Der PKV-Verband glaubt hingegen, das Problem liege in Versicherungspflichtgrenze, die in den vergangenen Jahren stetig erhöht wurde. Allerdings kommt auch der PKV-Vorstandsvorsitzende Ralf Kantak zu dem Schluss: „Wir müssen überlegen, was wir besser machen können.“

Idee: Alterungsrückstände dürfen mitgenommen werden

Eine Option könnte beispielsweise darin bestehen, Kunden zu ermöglichen, dass sie die Alterungsrückstände bei einem PKV-Wechsel vollumfänglich mitnehmen dürfen. Schließlich raten Verbraucherschützer nach wie vor PKV-Kunden davon ab, die Versicherungsgesellschaft zu wechseln. Der Grund: Versicherungsnehmer würden dann die bis dato aufgebauten Alterungsrückstände zumindest teilweise verlieren.

Doch wer schon zu Beginn eines Vertrags weiß, dass ein Anbieterwechsel nahezu ausgeschlossen ist, kann sich durchaus eingeschränkt fühlen. Zumal die Beitragssteigerungen auch in der PKV nicht ausbleiben und es nicht immer einen – aus Kundensicht – fairen alternativen Tarif beim derzeitigen Anbieter gibt. Der Wunsch nach einem einigermaßen flexiblen Anbieterwechsel ist zumindest nachvollziehbar. Um das Problem der Alterungsrückstände zu lösen, wäre eine Art Altersrückstellungsfonds, der für alle Anbieter gilt, denkbar.

"Geiz ist geil" mit folgenschweren Konsequenzen

Das Problem der gestiegenen PKV-Beiträge mag bei dem einen oder anderen Vermittler vielleicht dazu führen, Kunden möglichst günstige Tarife zu offerieren. Allerdings ist dann zumeist auch der Leistungskatalog entsprechend eingedampft. Wer dann nicht offen und ehrlich aufklärt, hat schon bald frustrierte Kunden vor sich, die von der privaten Absicherung enttäuscht sind und entnervt kündigen.

Um die Beratungsqualität der Kunden sicherzustellen, könnte der Blick auch auf die Vergütung der Vermittler fallen. In der Branche sind durchaus Stimmen zu hören, die eine Reduzierung der Abschluss- hin zu einer höheren Bestandsprovision vorschlagen.

Derweil hat der PKV-Verband angekündigt, mit dem einen oder anderen Vorschlag überraschen zu wollen. Die Vorhaben bleiben im Ungefähren, konkreten Vorschläge werden nicht genannt. Grund genug, sich einmal genauer in der Maklerbranche umzuhören und PKV-Experten zu fragen: Was sollte die PKV-Branche ändern, um wieder mehr Menschen für die PKV-Vollversicherung zu gewinnen?

Das sagen PKV-Experten:

Anja Glorius, Geschäftsführerin des Versicherungsmaklers KVoptimal.de
„Die Beitragsbemessungsgrenze (BBG) ist nicht das Problem. Die BBG ist seit 20 Jahren um zwei Prozent gestiegen und das kann also nicht der Grund für die schwächelnden Zahlen sein. Ein Blick auf die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigt: Die Reallöhne sind seit 2002 bis 2021 um 2,7 Prozent gestiegen.Der Rückgang ist aus meiner Sicht der Schließung des Informationsdefizits durch das Medium Internet beim Endkunden geschuldet. Und das ist gut so. Es kommen damit die „richtigen“ Kunden in die PKV. Bedenkt man das 50 Prozent der PKV-Versicherten Beamte sind, haben Sie vielleicht zumindest schon den zweiten realistischen Grund für den Rückgang der Zahlen. Es wird seltener verbeamtet. Die PKV ist attraktiv für Kunden, die sie sich langfristig leisten können. Attraktiver muss Sie nicht nur für Frauen werden, sondern für Familien. Denn wir bemerken seit circa fünf Jahren eine Änderung der Beratungen: Es ist nicht mehr nur jede vierte Person unserer Mandanten eine Frau, sondern mittlerweile sind in der Neuberatung sicherlich vier von zehn Personen weiblich. Außerdem kommt dazu, dass immer mehr gebildete Menschen von klassischen Rollenmodellen Abstand nehmen und eine Teilung oder zumindest aktive Einbringung bei Elternzeit und Kindererziehung einfordert. Kinderkrankengeld, Beitragsbefreiung bei Elternzeit, häusliche Krankenpflege erweitert um Kinderbetreuung sind immer wichtigere Themen. Themen, in denen die PKV Jahrelang das Nachsehen hatte. Die neuen Produktentwicklungen zeigen hier aber eine Bewegung. Die neuen Produkte arbeiten hier immer mehr an Lösungen für Familien, nicht mehr an Lösungen nach Geschlechterrollen. Attraktiver wäre die PKV sicherlich auch, wenn das Abrechnungsproblem gelöst würde. Aktuell ist der Kunde immer im Spannungsfeld zwischen seinem Versicherer und dem Behandler unterwegs. Der Arzt sagt „muss so abgerechnet sein und war nötig“, PKV sagt „ist nicht nötig zahlen wir nicht“. Der Laie, egal wie gebildet, kann dem kaum standhalten. So schafft man unzufriedene Kunden, die die Meinung unserer Gesellschaft prägen.“ Bild: KVoptimal.de