40 statt 30: DAX läutet neue Ära ein

Anne Mareile Walter Investmentfonds Top News

Seit seiner Erfindung Ende der 80er Jahre waren im wichtigsten Börsenindex Deutschlands stets 30 Unternehmen gelistet. Am Freitag steht eine historische Veränderung an: Der Leitindex wird auf 40 Firmen vergrößert – eine Konsequenz aus dem Wirecard-Skandal.

Börse Bild: Adobe Stock/conorcrowe

Die größte Reform in der Geschichte des DAX: Ab morgen wird der Leitindex auf 40 Unternehmen vergrößert. Bild: Adobe Stock/conorcrowe

Am 3. September geht die größte Reform in der 33-jährigen Geschichte des DAX über die Bühne: Der wichtigste Börsenindex Deutschlands wird von 30 auf 40 Unternehmen aufgestockt. Das Ziel: Ein zeitgemäßer Branchenmix. Gleichzeitig gelten für Unternehmen neue Regeln, um in den Index aufgenommen zu werden. Im vergangenen November fiel die Entscheidung für die Reform, 60 Prozent von insgesamt 600 Investoren, Unternehmen und Verbänden hatten dabei für einen größeren DAX gestimmt.

Was sind die bedeutendsten Neuerungen der Reform?  

Neben der neuen Anzahl der DAX-Werte sorgt vor allem folgender Punkt für Veränderung: Künftig ist für eine Aufnahme in den Leitindex nur noch der aktuelle Börsenwert des Unternehmens – das Produkt aus Aktien und Kurs – entscheidend. Und vor einer Aufnahme müssen die Unternehmen zwei Jahre lang profitabel gewesen sein. Der bisher ebenfalls ausschlaggebende Börsenumsatz der Aktien spielt dann keine Rolle mehr – stattdessen reicht ein Mindestumsatz. Für bestehende DAX-Mitglieder gilt diese Neuregelung nicht.

Und: Der aufgestockte DAX soll durch die Neuerung besser gemischt sein als der alte. Aktien aus den Bereichen Gesundheit und Medizintechnik werden ebenso an Bedeutung gewinnen wie Werte, deren Produkte während der Corona-Pandemie besonders gefragt waren. So werden beispielsweise der Medizintechnik-Produzent Siemens Healthineers sowie der Pharmakonzern Quiagen, der Reagenzien und Tests zur Diagnose von Covid-19 herstellt, als heiße Anwärter auf eine DAX-Listung gehandelt. Welche Konzerne tatsächlich in den Leitindex aufsteigen, wird am Freitag bekannt gegeben.  

Bislang bestand der DAX seit seiner Erfindung Ende der 1980er Jahre aus 30 Unternehmen – damit zählte er zu den kleinsten unter den wichtigen Indizes an den Weltbörsen. Zum Vergleich: Der französische CAC40 etwa besteht aus 40 Aktien, beim FTSE 100 in Großbritannien sind es sogar 100.

Beim „kleinen Bruder“ MDAX verringert sich durch die Aufstockung des Leitindexes nun die Anzahl der Unternehmen von 60 auf 50.

Warum wird der DAX reformiert?

Der Milliardenbetrug bei Wirecard und die anschließende Insolvenz des Unternehmens gaben den Ausschlag für die Entscheidung zur DAX-Erweiterung. Nach Bekanntwerden des Skandals im Juni 2020 fiel der Aktienkurs des Zahlungsdienstleisters rapide ab. Da sie fortan eine kriminelle Firma im DAX gelistet hatte, geriet die Börse unter Zugzwang. Die Crux daran: Nach dem gültigen Regelwerk konnte der Indexanbieter Qontigo vor der üblichen turnusmäßigen Überprüfung der DAX-Werte nicht tätig werden. Zum 19. August 2020 wurde daher die Passage zur Insolvenz von DAX-Unternehmen geändert. Seitdem können insolvente Firmen innerhalb von zwei Handelstagen aus dem DAX-Index genommen werden. Am 22. August flog Wirecard aus dem deutschen Leitindex.

Nach dieser Erfahrung war klar: Das Regelwerk des DAX muss in einem größerem Ausmaß berarbeitet werden: So müssen im DAX gelistete Unternehmen unter anderem seit März dieses Jahres  testierte Geschäftsberichte sowie vierteljährliche Quartalsmitteilungen veröffentlichen.   

Welche Schwachstellen hat die Reform?

Kritiker sehen durch die Erweiterung des DAX den Nebenwerteindex MDAX zunehmend geschwächt. Mit der Verkleinerung von 60 auf 50 Titel verliere dieser seine besten Zugpferde und rund ein Drittel der Marktkapitalisierung. So diagnostizieren der Deutsche Investor Relations Verband und das Deutsche Aktieninstitut, dass durch die "Verzwergung" die 25-jährige Erfolgsgeschichte des MDAX zu Ende gehe. Wie die Aktionärsvereinigung DSW gegenüber dem Portal „Börse Online“ sagte, werde der MDAX „zum Wohle des DAX geopfert".

Aus Sicht von Tim Bütecke, Geschäftsführer des Hamburger Finanzberatungsunternehmens HFH Group, geht die Reform nicht weit genug. „Der DAX gibt jetzt zwar ein besseres gesamtwirtschaftliches Bild ab, weil er nicht mehr so industrielastig ist“, sagte er auf procontra-Anfrage. Aber: „Die Reform wird keinen Riesen-Output haben.“ Denn die Neuzugänge würden lediglich 16 Prozent des DAX-Gesamtvolumens ausmachen und hätten damit wenig Effekt. Auch reichen laut Bütecke die überarbeiteten Aufnahmekriterien noch nicht aus. So seien im DAX beispielsweise weiterhin Konzerne, wie Delivery Hero, gelistet, die bisher noch nie einen Gewinn erwirtschaftet haben. Anleger müssten sich daher genau überlegen, in welche DAX-Aktien sie investieren.

Welche neuen Firmen kommen hinzu?

Laut eines aktuellen Rankings der DZ Bank haben diese zehn Unternehmen die besten Chancen für einen DAX-Aufstieg.

Airbus - der größte Neueinsteiger
Als größter Neueinsteiger in den Index gilt Airbus. Der im Jahr 2000 gegründete Konzern ist mit einem Umsatz von rund 50 Milliarden Euro das drittgrößte Luft- und Raumfahrtunternehmen der Welt. Eine DAX-Aufnahme scheiterte bisher daran, dass die Aktie des Unternehmens, an dem die Regierungen in Deutschland, Frankreich und Spanien eine Beteiligung halten, vor allem in Paris gehandelt wird. (Bild: Airbus)