„Notenbanken sind Gefangene ihrer Rettungspolitik“

Investmentfonds Investment-Talk Top News von Stefan Terliesner

Exklusives Interview mit Bert Flossbach, Manager des Flossbach von Storch SICAV Multiple Opportunities. Investoren müssten heute sehr viel aktiver sein, um sämtliche Ertragsquellen nutzen zu können.

Bert Flossbach, Manager des Flossbach von Storch SICAV Multiple Opportunities_Foto: FvS

procontra: Nach dem starken Bullenjahr 2019 - haben Aktien überhaupt noch Potenzial?

Bert Flossbach: Langfristig betrachtet haben Aktien von erstklassigen Unterneh-men das mit Abstand beste Chance-Risiko-Profil. Nimmt man die historischen Bewertungen einschließlich der künftigen Gewinnerwartungen dieser Unternehmen als Maßstab, dann sind Aktien zwar nicht mehr günstig, aber eben auch noch nicht zu teuer. Schon gar nicht, wenn man bei der Bewertung berücksichtigt, dass die Zinsen noch sehr lange niedrig bleiben werden. Anders ausgedrückt: Das Potenzial bei Aktien ist unseres Erachtens noch nicht ausgeschöpft, wenngleich sich die sehr gute Performance des vergangenen Jahres vermutlich nicht einfach so fortschrei-ben lässt.

procontra: Was würde Ihren Optimismus erschüttern?

Flossbach: Sollte die Auseinandersetzung zwischen den USA und China eskalieren und die Globalisierung zunehmend rückabgewickelt werden, hätte das deutliche Auswirkungen auf das globale Wirtschaftswachstum und die Unternehmensgewinne. Aus heutiger Sicht ist eine solche Entwicklung aber nicht absehbar.

procontra: Welche Anlageklasse halten Sie neben Aktien aktuell für vielversprechend?

Flossbach: Aktien sind langfristig alternativlos. Gold dient uns als Versicherung gegen die Risiken des Finanzsystems. Wobei wir froh wären, diese Versicherung nie in Anspruch nehmen zu müssen. Bei Anleihen müssen Investoren opportunistisch vorgehen – Chancen erkennen und nutzen. Das klassische Buy-and-Hold funktioniert am Rentenmarkt leider nicht mehr.

procontra: Inwiefern beeinflussen politische Konflikte wie USA-Iran ihre Anlageentscheidungen?

Flossbach: Sie beeinflussen uns immer dann, wenn sie taugen, das Wirtschafts-wachstum und damit die Unternehmensgewinne langfristig zu belasten. Der Iran-Konflikt tut das unseres Erachtens nicht. Die Auseinandersetzung zwischen China und den USA dagegen ist ein anderer Fall; sie dürfte uns noch lange beschäftigen. Das ist kein ausschließlich politischer Konflikt. Von daher müssen wir die Entwicklung sehr genau beobachten.

procontra: Die Geldpolitik dominiert die Kapitalmärkte. Manche Beobachter halten ein Zurück zu alten Zinsniveaus inzwischen für unmöglich. Was ist Ihre Meinung?

Flossbach: Die Notenbanken sind Gefangene ihrer Rettungspolitik. Da kommen sie nicht mehr raus. Zumindest nicht ohne gewaltige Kollateralschäden. Die Zinsen bleiben also niedrig, weil sie es mittlerweile müssen.

procontra: Müssen Sie beziehungsweise Ihr Team die Anleihemärkte intensiver analysieren als vor fünf oder zehn Jahren?

Flossbach: Als Investor muss man sehr aktiv sein, sämtliche Ertragsquellen nutzen, also nicht nur den Kupon, der in den meisten Fällen kaum mehr der Rede wert ist, sondern auch die anderen Komponenten im Blick haben – Kursgewinne, Duration oder Währung.

Der Blick ins Investmentjahr 2020 - 8 Märkte, 8 Experten

Kapitalmärkte global: Hans-Jörg Naumer, Leiter Global Capital Markets & Thematic Research, AGI
12 Billionen US-Dollar an Anleihen weisen weltweit negative Renditen aus. Das ist fast jede dritte Anleihe. In Deutschland sind es 9 von 10, und dabei haben wir noch gar nicht über die Wirkung der Inflation nachgedacht. Dieser Himmel für Schuldner ist die Hölle für Gläubiger – und ein Ende ist nicht in Sicht. Trotzdem: Meine Empfehlungen daher: An „Sachwerten“ – also Aktien – geht kein Weg vorbei. 2. Dividenden wirken wie ein Airbag bei Kursschwankungen. 3. Bei erhöhter Volatilität sollten Multi-Asset-Lösungen den Vorzug erhalten. 4. Sparpläne! Für einen Sparplan ist immer der richtige Zeitpunkt.
 
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