Kranken- und Pflegeversicherung: „Nicht zukunftsfähig“

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In der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sind die Zuzahlungen massiv angestiegen. Doch das Ende der Kostensteigerungen ist damit längst nicht erreicht, warnt die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV). Deren Vorsitzender spricht dem deutschen Kranken- und Pflegeversicherungssystem die Zukunftsfähigkeit ab.

DAV Aktuarvereinigung BAP Niedrigzins PKV GKV

Der engere Vorstand der DAV besteht aus dem Vorsitzenden Dr. Guido Bader (Mitte), dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden Dr. Herbert Schneidemann (rechts) und dem unmittelbar vorangegangenem Vorsitzenden Roland Weber (links). Bild: Aktuarvereinigung (DAV)

Der scheidende Präsident der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), Roland Weber, nimmt zum Amtsende kein Blatt vor den Mund. Nachdem er bereits die Rentenversicherung an der Belastungsgrenze sieht, spart er auch nicht mit Kritik am deutschen Kranken- und Pflegeversicherungssystem. Das sei ohne Ausgabendisziplin nicht zukunftsfähig, sagte Weber in Köln.
Die Aktuare warnten vor massiven Beitragssteigerungen. Das würde sowohl gesetzliche Pflege- und Krankenversicherung als auch die privaten Vorsorgesysteme betreffen.

  • In der GKV könnten die Beiträge von derzeit 15,6 Prozent bis zum Jahr 2060 auf knapp 25 Prozent steigen, so die DAV-Berechnungen.
  • In der sozialen Pflegeversicherung ist nach Analyse der Aktuare sogar mit noch größeren Beitragssprüngen zu rechnen. Ohne Berücksichtigung möglicher Leistungsausweitungen könnten sich die Beiträge von 2,5 Prozent bis zum Jahr 2060 auf bis zu 8,5 Prozent erhöhen.

Als Kostentreiber nennen die Aktuare neben dem demografischen Wandel vor allem den medizinisch-technischen Fortschritt. „Darüber hinaus leidet die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung unter einer strukturellen Einnahmenschwäche“, so Weber.

Private Systeme leiden unter Niedrigzins

Doch auch in der privaten Krankenversicherung drohen bei anhaltendem Niedrigzins Beitragsanpassungen (BAP). Bleibt das Niedrigzinsniveau auf dem derzeitigen Stand, erhöht sich der PKV-Durchschnittsbeitrag nach den Berechnungen der DAV inflationsbereinigt bis zum Jahr 2060 um den Faktor 2,7. Kommt es hingegen zu einer Zinserholung ab 2030, ergibt sich ein Faktor von 2,4.
In der privaten Pflegeversicherung steigen die Beiträge im Extremszenario um den Faktor 4,5.
„Die privaten Sozialsysteme geraten [...] durch die anhaltende Tiefzinsphase zunehmend unter Druck“, resümierte Weber.

In Anbetracht dieser Szenarien appelliert die DAV an die Politik, jede Möglichkeit zu ergreifen, die Effizienz des Gesundheitssystems weiter zu steigern. So ließen sich nach Überzeugung der Aktuare durch den Ausbau der Telemedizin oder der Einführung einer digitalen Gesundheitskarte erheblich Kosten einsparen. „Zudem muss jede weitere Leistungsausweitung speziell in der sozialen wie privaten Pflegepflichtversicherung kritisch auf ihre langfristige Finanzierbarkeit überprüft werden. Ohne Ausgabendisziplin ist das deutsche Kranken- und Pflegeversicherungssystems nicht zukunftsfähig“, so Weber weiter.

GKV: Zuzahlungen gestiegen

Wie zum Beweis für die Warnungen der Aktuare, berichteten übereinstimmend mehrere Medien über gestiegene Zuzahlungen in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag geht hervor, dass die Zuzahlungen in GKV zwischen 2016 und 2018 um knapp zehn Prozent, von 609 auf 668 Millionen Euro, angestiegen sind. Hauptgrund für den Anstieg seien höhere Ausgaben der Krankenkassen für Heilbehandlungen. Die höheren Vergütungen in der Branche hätten zu dem Kostenanstieg geführt, so die Regierung.

1989: Gesundheits-Reformgesetz
Das Gesundheits-Reformgesetz (GRG) von 1989 brachte deutliche Kürzungen für Hilfs- und Heilmittel, Arzneimittel sowie für den Zahnersatz: Für Brillengestelle gab es zum Beispiel nur noch 20 DM Zuschuss und neue Gläser gab’s nur noch bei Änderung der Sehschärfe um mindestens 0,5 Dioptrien. Weiterhin wurden Festbeträge für bestimmte Arzneimittel festgelegt: Die Differenz bei teuren Medikamenten trug der Patient seitdem selbst. Schlechte Nachrichten gab’s vor allem für Rentner: Die Zulassung zur Krankenversicherung der Rentner erfolgte nur dann, wenn man in der Zeit von der erstmaligen Aufnahme einer Erwerbstätigkeit bis zur Antragstellung mindestens 9/10 der zweiten Lebensarbeitshälfte Mitglied in einer GKV war – privat oder freiwillig.
 
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