Kleinlein hat sie nicht alle...

Versicherungen LV-Check Top News Meistgeklickt Jahresrückblick von Matthias Hundt

...alle Fakten, wohl gemerkt. Seine jüngste Begründung zur Zinszusatzreserve erfordert nicht nur objektive Fakten, sondern auch die Erinnerung an das, was Verbraucherschutz eigentlich leisten soll.

Ein Kommentar von Matthias Hundt, Chefredakteur der procontra_Foto: procontra

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 „Die Zinszusatzreserve gibt es, weil sich die Versicherer verkalkuliert haben!“ (Axel Kleinlein, BdV, 15.8.18 via Twitter)

Für eines ist Axel Kleinlein, als Oberhaupt des Bunds der Versicherten, sicher nicht bekannt: für leise Töne. Doch nur laut zu sein, nervt. Idealismus und klare Kante sind heute zwar selten und verdienen Anerkennung. Aber in einer Position, in der man Verbrauchern Orientierung geben soll, wäre es wünschenswert, die Polemik am Mischpult runter- und den Faktenregler voll hochzuschieben.

Die oben zitierte Aussage ist schlicht falsch. Die Zinszusatzreserve gibt es, weil der Referenzzinssatz aus Umlaufrenditen von Anleihen der öffentlichen Hand unter die Garantiezinssätze früherer Verträge gefallen ist. Einfacher ausgedrückt: Am Markt ist für Lebensversicherer risikofrei nicht mehr der Zins zu erwirtschaften, den es für die einstigen Garantieversprechen bräuchte. Das ist keiner Fehlkalkulation Mitte der 90er geschuldet, sondern der anhaltenden Nullzinspolitik der EZB.
Die Zinszusatzreserve ist daher ein Sicherungselement im Sinne der Kunden und dient der Stärkung der Risikotragfähigkeit der Lebensversicherer. Das wäre der richtige Fakt in Richtung Verbraucher.


Mit „verkalkuliert“ maßt man sich an, der Zinsverlauf, in diesem historischen Ausmaß, wäre vorhersehbar gewesen. Was hätte wohl der Verbraucherschutz gewettert, wenn die Lebensversicherer Mitte der Neunziger bei einem Kapitalmarktzins von 6 Prozent und mehr ihren Kunden nur 2 Prozent garantiert hätten? Auch Sie, Herr Kleinlein, hätten das als Aktuar eines Versicherers nicht gesehen.

Hilfreicher wäre es doch, den positiven Effekt der Zinszusatzreserve kundzutun, den Assekurata berechnete. Die Milliarden an ZZR-Rückstellungen sorgten nämlich dafür, dass der durchschnittliche Garantieanspruch von 2,77 auf 2,01 Prozent gesenkt werden konnte. Das wäre der richtige Fakt in Richtung Verbraucher.

Wie wäre es, statt der ganzen Lautsprecherei, mal mit wirklichem Verbraucherschutz? Zum Beispiel durch die nachhaltige Darlegung des Unterschieds zwischen einem Vertreter („Ich darf nur XY verkaufen“) und einem Makler („Ich kann dir alles anbieten“). Das wäre ein großer Schritt hin zu mehr Verbraucherschutz und, Sie ahnen es, der richtige Fakt in Richtung Verbraucher!

Die Notwendigkeit der (zukünftigen) Finanzierung der Zinszusatzreserve hat weder etwas mit Fehlkalkulation noch mit Naivität zu tun. Vielmehr mit Bestandsstruktur und Spartenfokus. Auch die absolute Summe sagt wenig über die Belastung aus. Dann schon eher die Relation zu den Deckungsrückstellungen. Bei den 68 Lebensversicherern im LV-Check 2018 summierte sich die Zinszusatzreserve auf durchschnittlich 7 Prozent der gesamten Deckungsrückstellungen. Die 15 Anbieter mit den höchsten Werten haben wir in der Bilderstrecke gerankt. Lediglich drei Anbieter weisen einen zweistelligen Wert auf.

ZZR in Relation zu den Deckungsrückstellungen:

#15 Rheinland (8,3 %)
ZZR gesamt: 61 Mio.€, 14 Mio. davon in 2017 zugeführt. Bestandsstruktur der knapp 83.000 Policen wird von Kapitalversicherungen (50%) bestimmt. Auch im Neuzugang 2017 nach lfd. Beitrag entfielen 67 Prozent auf die Kapitalsparte.
 
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