Sinkende Erzeugerpreise: Warum die Inflation noch nicht vorbei ist

Hannah Petersohn Panorama

Die Erzeugerpreise sind das erste Mal seit Langem gesunken. Manch einer sehnt bereits jetzt ein Ende der entfesselten Inflationsrate herbei. Das könnte sich allerdings als trügerisch erweisen. Ein Kommentar

Sinkende Erzeugerpreise: Naht jetzt das Ende der Inflation? Bild: procontra

Warum es noch zu früh ist, das Ende der Rekord-Inflation auszurufen, kommentiert Hannah Petersohn, leitende procontra-Redakteurin. Bild: procontra

Die Meldungen vom Montag ließen so manche Ökonomen und Verbraucher aufatmen: Die Erzeugerpreise sind im Oktober das erste Mal seit Mai 2020 wieder gesunken. Das heißt ganz konkret: Produzenten von Rohstoffen und Industrieerzeugnissen zahlten laut Statistischem Bundesamt um 4,2 Prozent niedrigere Preise als im Vormonat.

Manch ein Ökonom frohlockte bereits, dass das Gespenst der Inflation früher wieder von Dannen ziehen könnte, als viele angenommen hatten. Aber lässt das aktuelle Signal der Entspannung wirklich diesen Schluss zu? Schließlich hatten Experten bisher ein Nachlassen der aktuellen Rekord-Inflationsrate von zehn Prozent (Stand: September 2022) erst für Mitte kommenden Jahres prognostiziert. Sind die gesunkenen Erzeugerpreise also wirklich ein Game-Changer?

Sinkende Erzeugerpreise = sinkende Verbraucherpreise?

Tatsächlich gilt die Entwicklung der Erzeugerpreise als Indikator für die Entwicklung der Verbraucherpreise: So stiegen die Preise für Produzenten bereits zu Beginn dieses Jahres an, die Inflationsrate zog nach. Aber lässt das den Umkehrschluss „sinkende Erzeugerpreise, niedrigere Verbraucherpreise“ zu?

„Ich würde gern daran glauben wollen, dass wir hoffentlich bessere Inflationszahlen sehen werden“, sagte Bundesbankpräsident Joachim Nagel ebenfalls am Montag. Das „aber“ schwingt in seiner Aussage bereits mit. Warnender äußerte sich da schon Alexander Kriwoluzky vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): „Was die Inflation angeht, sind wir weit davon entfernt, über dem Berg zu sein“, zitiert ihn das Handelsblatt.

Das dicke Ende kommt erst noch

Wichtig ist ein Blick auf die Ursache der gesunkenen Erzeugerpreise: Laut den Wiesbadener Statistikern liegt das nämlich an den Energiepreisen, die im Vergleich zum Vormonat um über zehn Prozent zurückgegangen sind.  Strom wurde sogar um knapp 17 Prozent günstiger, während für Gas zehn Prozent weniger berappt werden musste. Demnach liegen, so eine Berechnung des Handelsblatts, die Erzeugerpreise – bereinigt um die Energiepreise – immer noch bei plus 0,4 Prozent. Anders ausgedrückt: Die Lebensmittelpreise haben sich weiter verteuert.

Nun ließe sich argumentieren, dass die Unternehmen erst peu à peu ihre gesunkenen Kosten an die Verbraucher weitergeben. Ob und wann sie das tun, ist allerdings nicht ausgemacht. Manch ein Ökonom geht davon aus, dass gerade einmal ein Drittel der Kosteneinsparungen – noch dazu verzögert – bei den Verbrauchern ankommt. Und das muss kein böser Wille sein, schließlich müssen sich auch Unternehmen auf neue Situationen einstellen und entsprechende Verträge anpassen.

Das wiederum kann leider auch bedeuten: Den Anstieg der Erzeugerpreise zu Beginn des Sommers könnten die Verbraucher erst noch zu spüren bekommen, bevor sich die Lage wieder entspannt.