Open Insurance: Was sich dahinter verbirgt

Detlef Pohl Berater Recht & Haftung Versicherungen

Der BDVM sieht die Chancen für neue, maßgeschneiderte Produkte und Geschäftsmodelle im digitalen Zeitalter und die damit verbundenen Effizienzgewinne durch „Open Insurance“ positiv. Es gibt aber auch Risiken. So ist der aktuelle Stand.

Der Versicherungsbereich ist weitaus komplexer und heterogener als die Auslösung von Zahlungsvorgängen bei Banken, sagt BDVM-Geschäftsleitungsmitglied Bernhard Gause mit Blick auf Open Insurance. Bild: Pohl

Der Versicherungsbereich ist weitaus komplexer und heterogener als die Auslösung von Zahlungsvorgängen bei Banken, sagt BDVM-Geschäftsleitungsmitglied Bernhard Gause mit Blick auf Open Insurance. Bild: Pohl

Kürzlich blickte die „Free Insurance Data Initiative“ (Frida) auf ihr einjähriges Bestehen zurück. Als Ergänzung zu bestehenden „Datenaustauschformaten” wie BiPRO und GDV will Frida die Grundlage für die Entstehung von digitalen Ökosystemen – ganz im Sinne von „Open Insurance“ – schaffen. Das Thema „Open Insurance“ ist im öffentlichen Diskurs noch recht neu. Es geht um den standardisierten Austausch von versicherungsbezogenen Daten und der entsprechenden Etablierung neuer digitaler Ökosysteme. Mit offenen Standards im digitalen Versicherungswesen sollen künftig – wie bei Open Banking – auch Drittanbietern Daten zur Verfügung gestellt werden.

Frida arbeitet dazu schon an standardisierten Schnittstellen und will zunächst Transparenz schaffen. Derzeit machen schon 31 Unternehmen – Produktgeber, FinTechs, Plattformunternehmen, Softwareanbieter – sowie Branchenverbände mit. Dabei werden Anwendungen in den Bereichen Pension, Health-Care, Car Claims oder Cyber – kundenorientiert und transparent durchgespielt. Anfang 2023 soll es ein Diskussionsformat zu Open Insurance geben. Der Prozess stehe noch ziemlich am Anfang, heißt es bei Frida.

Branchenübergreifende Nutzung von Versicherungsdaten?

Einen Blick in die Gegenwart und die europäischen Aktivitäten hat kürzlich auch Bernhard Gause geworfen. „Der Begriff Open Insurance zielt auf die branchenübergreifende Öffnung von Daten im Versicherungsbereich über standardisierte API (Application Programming Interfaces) ab“, so das Geschäftsleitungsmitglied des Bundesverbandes deutscher Versicherungsmakler (BDVM). Open Insurance setzt auf dem Prinzip des Open Banking auf, wo mit der Payment Services Directive 2 (PSD 2) auch Nichtbanken die Teilnahme am Zahlungsverkehr ermöglicht werden soll.

Gause nannte wichtige Eckpunkte im europäischen Kontext, die auf eine künftige Umsetzung von Open Insurance hindeuten. So hatte die europäische Versicherungsaufsicht Eiopa Anfang 2021 ein Diskussionspapier veröffentlicht. Im Juni 2022 erschien das entsprechende „feedback statement“. Die EU-Kommission lancierte im Mai 2022 fünf Konsultationen und will Ende dieses Jahres oder Anfang nächsten Jahres eine legislative Initiative vorlegen. „Wohin die Reise geht, ist noch völlig ungewiss“, meint Gause.

Digitale Rentenübersicht läutet Open Finance ein

Ziel sei die Etablierung neuer digitaler Ökosysteme, denen ein großes Innovationspotential zugesprochen wird. Beispiel Ruhestandsplanung: Mit Einwilligung der Kunden werden sämtliche Positionen zusammengestellt, die für die zukünftige Vermögenssituation relevant sind (Ansprüche aus den drei Säulen der Altersvorsorge sowie von Immobilien und Wertpapiere). Auf dieser Basis sollen dann per standardisiertem Austausch mit Drittanbietern neue Angebote generiert werden. Auch im Schadenfall sei eine Datenübermittlung über vereinheitlichte Schnittstellen – und damit auch die Möglichkeit der Einbindung Dritter – für die Verbraucher von Vorteil.

„Versicherungsmakler als Sachwalter der Kunden sehen die Chancen für neue, maßgeschneiderte Produkte und Geschäftsmodelle im digitalen Zeitalter und die damit verbundenen Effizienzgewinne durchaus positiv“, sagt der Maklerverbandschef. Gleichwohl gebe es auch Risiken für Verbraucher. „Der Versicherungsbereich ist weitaus komplexer und heterogener als die Auslösung von Zahlungsvorgängen“, erinnert Gause. So würden auch sensible Gesundheits- und andere Daten den Märkten zugänglich gemacht. Entsprechende Datensicherheit /-kontrolle sei daher unerlässlich.

Risiken und Nebenwirkungen

Ein weiteres Risiko: Die zunehmende Risikodifferenzierung über immer mehr Daten und deren Kombination könnte das Risiko-Pooling im Versicherungsbereich konterkarieren. Und auch das Gegenteil müsse bedacht werden. Wenn Menschen ihre Daten nicht preisgeben wollen, bekämen sie dann Probleme beim Zugang zu Versicherungsdienstleistungen? Vor allem Gruppen, die nicht so IT-affin sind, könnten vom Versicherungsschutz ausgeschlossen werden.

Gause erinnert daran, dass bereits heute jeder, sofern er das möchte, seine vermögensrelevanten Daten einem Dienstleister zur Verfügung stellen kann. Als Teilelement startet demnächst die erste Phase der digitalen Rentenübersicht. Ihre langwierige und teure Entwicklung zeige, dass „jede gesetzliche, verpflichtende Regelung in diesem Bereich einer eingehenden Kosten-/Nutzenanalyse bedarf“, so Gause. Auswirkungen auch bei den Anbietern seien nicht ohne Risiko. So ist laut „feedback statement“ von Eiopa die Mehrheit der Ansicht, dass mit Open Insurance ein „unlevel playing field“ wahrscheinlich ist.

Gesetzgeber vor harten Aufgaben

„Es müsste also sichergestellt werden, dass bei der weiteren digitalen Transformation des Versicherungsmarktes alle Marktteilnehmer gleichermaßen Zugang erhalten und sich Wertschöpfungsketten nicht einseitig in Richtung der bekannten großen Daten-Unternehmen (GAFA) verlagern“, legt Gause den Finger in die Wunde. GAFA meint: Google, Apple, Facebook und Amazon. Dies müsste bei der legislativen Ausgestaltung umgesetzt werden.

Auf der traditionellen Jahres-Pressekonferenz des BDVM im September hatte der Verband für seine rund 820 Mitgliedsfirmen mit 12.000 Mitarbeitern konstatiert, dass die Digitalisierung nicht alle Lücken füllen könne, die der Fachkräftemangel aufreißt, auch nicht durch digitale Kundenportale und Schadenprozesse. Die Hälfte der Mitglieder nutzt bereits Cloud-Dienste und bietet zunehmend digitale Services, den rund 38 Prozent der Gewerbekunden wünschen.