Neue Risikoprüfung bei der Bayerischen: Arbeitskraftabsicherung trotz Psychotherapie?

Hannah Petersohn Berater Top News

Wer aufgrund einer psychischen Erkrankung eine Therapie in Anspruch genommen hat, der hatte bisher kaum Chancen auf eine Berufs- oder Dienstunfähigkeitsversicherung. Das will die Bayerische nun ändern.

Neue Risikoprüfung bei der Bayerischen: Arbeitskraftabsicherung trotz Psychotherapie? Bild: PeopleImages

Wer schon einmal eine Psychotherapie in Anspruch genommen hat, kann seine Arbeitskraft selten absichern lassen. Das will ein Versicherer nun ändern. Bild: PeopleImages

Fast 18 Millionen Deutsche sind jährlich von einer psychischen Erkrankung betroffen. Gerade unter jüngeren Menschen haben seelische Leiden zugenommen. Gleichzeitig steigt aber auch deren Akzeptanz und während noch vor ein paar Jahrzehnten eine Psychotherapie verheimlicht wurde, ist die Behandlung mittlerweile kein Stigma mehr. Allerdings sieht das bei der Risikoprüfung für bestimmte Versicherungen anders aus: Gesetzlich Versicherte, die in die private Krankenversicherung wechseln wollen, sind nahezu chancenlos. Eine Psychotherapie stufen Versicherer als hohes Risiko ein, viele Interessenten werden einfach abgelehnt.

Auch beim Thema Arbeitskraftabsicherung sieht es nicht besser aus. Eine Dienstunfähigkeits- oder Berufsunfähigkeitsversicherung trotz Therapie abzuschließen, ist ähnlich aussichtslos. „Bei vielen BU-Versicherern führt eine angegebene F-Diagnose häufig zu einer Ablehnung oder einem Leistungsausschluss – selbst, wenn diese nur zum Zwecke einer kurzzeitigen Krankschreibung oder Bewilligung einer Mutter-Kind-Kur getroffen wurde“, erklärt Gerd Kemnitz, Versicherungsmakler mit Fokus auf Berufsunfähigkeitsversicherungen.

Dass indessen Versicherer selbst Kritik an dieser Praxis üben, ist eher unüblich. Bisher. „Es kommt vor, dass Menschen, die in Therapie waren oder sind, diese wichtige Versicherung gar nicht mehr bekommen, denn sie werden häufig bei der Risikoprüfung der Versicherer aussortiert, fallen durch das Raster der Wunschprofile“, kritisierte unlängst Martin Gräfer, Vorstand der Bayerischen, in einem Beitrag auf Linkedin.

Deswegen plane das Unternehmen nun, den Prozess zur Antragsprüfung umzustellen, um „im besten Fall den Zugang zu dieser existenziellen Vorsorge anbieten können“. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass allein bei der Bayerischen – nach eigenen Angaben – im Durchschnitt der vergangenen Jahre zwischen 30 und 40 Prozent der Leistungsfälle auf psychische Erkrankungen zurückzuführen sind, ist das angestrebte Vorhaben zumindest bemerkenswert.

Risikoprüfer sollen gecoacht werden

„Aktuell erleben wir sehr oft, dass sowohl auf Seiten der Interessenten als auch der Vermittlerinnen und Vermittler eine Scheu vor der Voranfrage besteht, wenn in der Vergangenheit eine Therapie gemacht wurde“, erklärt das Unternehmen auf procontra-Nachfrage. Ihnen wolle man nun zeigen, dass eine Psychotherapie kein pauschales Abschlusskriterium mehr sei.

Dazu muss man aber wissen: Die Voranfragen stellen professionelle Makler stets anonymisiert, auch, um im Falle einer Ablehnung weitere Versicherer anfragen zu können. Sobald jedoch ein richtiger Antrag gestellt wird, in dem der Name des Kunden genannt wird, muss eine Ablehnung auch beim nächsten Versicherer angegeben werden – mit entsprechend schlechteren Erfolgsaussichten auf den Abschluss einer Police.

Um nun also die berechtigte Angst vor einer Ablehnung des Antrags auf Seiten der Vermittler und Kunden abzubauen, wolle die Bayerische in Zukunft die individuelle Situation des Antragstellers unter Mitwirkung einer psychologischen Fachkraft differenzierter betrachten: „Alle Personen, die in die Prüfung und Kommunikation der individuellen Fälle eingebunden sind, müssen sich noch intensiver als bisher mit der Materie auseinandersetzen“, erklärt das Unternehmen.

Zwar müssten Risikoprüfer nun nicht zur psychologischen Fachkraft ausgebildet werden. Dennoch können sie künftig mit Fokus auf seelische Krankheitsbilder gecoacht werden oder sich professionell beraten lassen mit dem Ziel, Beschwerden und Vorerkrankungen und damit auch die Risiken besser einschätzen können.

Doch auch im Vorfeld, bevor es überhaupt zur Antragstellung kommt, sollen potenzielle Neukunden künftig – ohne persönliche Daten hinterlassen zu müssen – online einen „Quick Check“ vornehmen können, um sich eine unverbindliche Einschätzung einholen zu können, inwiefern sie überhaupt eine Chance auf eine Arbeitskraftabsicherung haben.

Vorhaben für Versicherungsmakler problematisch

Kommt es dennoch zu einer Ablehnung des Antrags wird dem Kunden in Einzelfällen und nur auf ausdrücklichen Wunsch ein Gespräch mit einem von der Bayerischen beauftragten Psychologen angeboten, „so dass uns durch dieses informative Gespräch unter Umständen ergänzende Angaben übermittelt werden, die eine nochmalige Prüfung des Risikos ermöglichen“.

Grundsätzlich sei es immer begrüßenswert, wenn Versicherer neue Wege wagen, um mehr Berufstätigen den Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung zu ermöglichen, sagt Versicherungsmakler Kemnitz. „Die Bayerische will aber ausdrücklich nur Neukundinnen und Neukunden anbieten, ein Gespräch mit einem Therapeuten zu führen. Wenn der Interessent wirklich erst Kunde werden muss, also einen verbindlichen Antrag stellen und dabei der Nutzung des Hinweis- und Informationssystems zustimmen muss, dürfte diese Vorgehensweise – zumindest in der Zusammenarbeit mit Versicherungsmaklern – nicht klappen.“ Deswegen sehe er die Durchsetzung des angedachten Gesprächs in der Zusammenarbeit mit Versicherungsmaklern problematisch.

Zumal ein solches, intimes Gespräch mit einer unbekannten Person, die noch dazu im Dienst des Versicherers fragt, Antragsteller eher abschrecken dürfte. Dagegen versichert die Bayerische, dass sie keine Informationen über die Inhalte dieser Gespräche erhalte. Die psychologische Fachkraft gebe ausschließlich eine Empfehlung. „Letztlich geht es vor allem darum, im Gespräch die oftmals wenig aussagekräftigen Angaben aus dem Versicherungsantrag im Dialog mit psychotherapeutischen Fachleuten weiter zu vertiefen, um damit besser zu verstehen und auch differenzierter beurteilen zu können. Der Informationsgewinn könnte zu einem besseren Risikoprüfungsergebnis führen“, erklärt das Unternehmen.

Doch was passiert, wenn sich während eines solchen Gesprächs die Nichtversicherbarkeit des Kunden bei der Bayerischen herausstellt? „Wird die Gesellschaft dann eigenmächtig hauseigene Notlösungen, sprich: Grundfähigkeitsversicherungen, anbieten? Oder überlässt sie es dem ursprünglichen Vermittler, die Versicherbarkeit bei anderen BU-Versicherern zu prüfen?“, fragt BU-Makler Kemnitz. „Besser wäre aus meiner Sicht, dem Interessenten schon vor einer Antragstellung eine qualitativ hochwertige Lösung zur Verfügung zu stellen, um die Versicherbarkeit zu prüfen. Dies könnte beispielsweise ein Online-Tool sein, dass den Leitfaden des angedachten Gesprächs widerspiegelt.“

Zeitgemäße Einordnung: Therapie zur Vorsorge

Bleibt die Frage, ob es sich bei dem Ansinnen der Bayerischen um ein rein altruistisches handelt, bei dem nicht der Gewinn im Vordergrund steht, sondern ein gesellschaftlicher Wandel? Oder könnte es auch sein, dass die Nachfrage nach Arbeitskraftabsicherung nachlässt, weil sich jeder Mensch mit Therapieerfahrung – und die Anzahl steigt – von vornherein chancenlos sieht? „Die konkreten Zahlen weisen wir in der Regel nicht aus. Zwischen 2017 und 2021 haben wir jedoch die Anzahl an Verträgen um 34 Prozent gesteigert“, so die Bayerische.

Versicherungsmakler monieren immer wieder, dass viele Versicherer beim Thema Psychotherapie völlig außer Acht lassen, dass eine solche Behandlung auch präventiv vor tiefergehenden Erkrankungen helfen kann. Eine Erkenntnis, die die Bayerische offenbar teilt: „Eine erfolgreiche Therapie bedeutet in den meisten Fällen mehr Resilienz, mehr Widerstandskraft und ein geringeres Risiko psychosomatischer Erkrankungen.“

Man rechne außerdem damit, dass die Initiative auch in wirtschaftlicher Hinsicht ein Erfolg werde. Sollte es bei der Initiative bei Lippenbekenntnissen bleiben – und das wird die Maklerschaft genau beobachten – wäre der Marketingschaden vorprogrammiert. Wenn das Vorhaben aber tatsächlich eine wesentliche Veränderung der Risikoprüfung und Annahmepolitik nach sich zieht, könnte der Versicherer eine Trendwende einleiten.