Drohende Rentenlücke: Arbeitet 95 Stunden mehr pro Jahr!

Hannah Petersohn Panorama

Der Ideenreichtum von Ökonomen scheint grenzenlos, wenn es darum geht, die Rentenlücke und das Fachkräfteproblem in den Griff zu bekommen. Während der eine über 100 Stunden mehr Arbeit pro Jahr sinniert, wirft der andere die 42-Stunden-Woche in den Ring. Wie wäre es mit einem Arbeitsplus von 5.700 Minuten jährlich? Eine Glosse

Drohende Rentenlücke: 112.740 Minuten mehr Arbeit pro Jahr! Bild: Paul Bradbury

Kaum ein Arbeitnehmer kennt den Wunsch nicht: Endlich mehr arbeiten! Wie wäre es mit 95 Stunden mehr im Jahr? Bild: Paul Bradbury

Leser des Romans von Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxie“ wissen es schon lange: 42 ist die Antwort auf Alles. In der Science-Fiction-Erzählung spuckt der Supercomputer namens „Deep Thought“ die Zahl nach über sieben Millionen Jahren Berechnungszeit auf die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ aus. Wer hätte gedacht, dass mit „dem ganzen Rest“ auch die Wochenarbeitszeit gemeint sein könnte?

Der Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Siegfried Russwurm, brachte kürzlich die Einführung einer 42-Stunden-Woche aufs Tablett – als Gegenentwurf zur Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung: „Würden wir im Jahr 100 Stunden mehr arbeiten, ließen sich bis 2030 rund 4,2 Milliarden Arbeitsstunden ersetzen, die durch die Überalterung verloren gehen.“ Deep-Thought-Präsident-Russwurm hat allerdings nicht mehrere Millionen Jahre für diesen Einfall gebraucht.

42-Stunden-Woche oder 100 Stunden mehr pro Jahr?

Er schlägt also zwei Stunden mehr Arbeit in der Woche vor beziehungsweise – bei einer 5-Tage-Arbeitswoche mit täglich acht Arbeitsstunden – 24 Minuten mehr pro Tag also 504 Minuten täglich statt 480 Minuten. Gehen wir mal von einem Vollzeitbeschäftigten in Berlin aus, der 40 Stunden in der Woche arbeitet und 30 Urlaubstage – ja, das soll es geben – nehmen kann, so arbeitet er in diesem Jahr 223 Tage beziehungsweise 1.784 Stunden oder 107.040 Minuten. Mit Russwurms Einfall würden daraus dann 112.392 Minuten werden oder 5.352 Minuten mehr pro Jahr oder ein Plus von knapp 90 Stunden jährlich.

Sein Spiritus Rector, der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, hat nun unlängst im Anflug eines überbordenden Ideenreichtums einen kühlkalkulierten Gegenvorschlag präsentiert: „Wir sollten 100 Stunden mehr im Jahr arbeiten“, fabulierte er kürzlich in einem Interview mit einer Wirtschaftszeitung. Damit fordert er zehn Stunden mehr als sein Bruder im Geiste, Siegfried Russwurm.

Gegenvorschlag: Arbeitet 6,7 Millionen Sekunden jährlich!

Es ist also davon auszugehen, dass in den kommenden Wochen ein weiterer Ü-50-Ökonom eine Lanze für den längeren Arbeitstag, die ausgedehnte Arbeitswoche, das üppigere Arbeitsjahr brechen wird und den folgerichtigen Vorschlag präsentiert: „Um die Rentenlücke zu schließen, hege ich große Sympathien für 5.700 Minuten mehr im Jahr, die aktuelle und künftige Generationen der Arbeitnehmer malochen könnten.“ Damit wären wir bei einem Plus von 95 Stunden p.a., ein Kompromiss, der Russwurm und Hüther zusagen sollte.

Und das Schöne daran: Wir würden damit Pi mal Daumen weiterhin der Fantasie der 42-Stunden-Woche huldigen, die die Arbeitnehmer von heute als Antwort auf alles (Künftige) leisten dürften. Ein echter Deep Thought.