Wohnimmobilien: „Spürbare Abschwächung der Preisdynamik zu erwarten“

Stefan Terliesner Sachwerte Top News

Die Zeiten rasch steigender Preise für Wohnimmobilien sind bald vorbei. Warum ein Einbruch aber nicht zu erwarten ist, erläutert Jens Tolckmitt, Hauptgeschäftsführer des Verbands deutscher Pfandbriefbanken, im Interview.

Jens Tolckmitt, Hauptgeschäftsführer des Verbands deutscher Pfandbriefbanken Bild: Verband deutscher Pfandbriefbanken

Erwartet keinen Einbruch bei den Preisen für Wohnimmobilien: Jens Tolckmitt, Hauptgeschäftsführer des Verbands deutscher Pfandbriefbanken Bild: Verband deutscher Pfandbriefbanken

procontra: Herr Tolckmitt, getragen von extrem niedrigen Zinsen sind die Preise für Immobilien jahrelang gestiegen. Jetzt steigen die Zinsen. Ist der Preis-Boom im Wohnsektor vorbei?  

Jens Tolckmitt: Nein, die positive Entwicklung auf dem deutschen Immobilienmarkt hält bislang weiter an. Im zweiten Quartal sind die Wohnimmobilienpreise um 10,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal gestiegen, wie unser vdp-Index zeigt. Die Preise für Wohnimmobilien in den Top 7-Städten erhöhten sich sogar um 11 Prozent.  

procontra: Wie aussagekräftig sind Ihre Zahlen?  

Tolckmitt: Sehr aussagekräftig. Im Gegensatz zu anderen Preisindices am Markt, die rein auf Angebotspreise abstellen, basiert der vdp-Index auf echten Preisdaten. Unser Tochterunternehmen vdp Research wertet quartalsweise die Daten abgeschlossener Immobilienfinanzierungen von mehr als 700 Kreditinstituten aus. In unseren Index fließen also nur Preise ein, die tatsächlich am Markt erzielt worden sind – und zwar flächendeckend für ganz Deutschland.  

procontra: Hat Sie die Entwicklung überrascht?  

Tolckmitt: Dass der Preisanstieg im zweiten Quartal noch anhält, war zu erwarten, die unverändert hohe Steigerungsrate nicht unbedingt. Hier könnte eine gewisse Zeitverzögerung zum Tragen kommen: Von der Finanzierungsanfrage bis zum endgültigen Abschluss können manchmal mehrere Monate vergehen, auch quartalsübergreifend, so dass sich eine geringere Preisdynamik womöglich erst in den nächsten Quartalen zeigen wird. Am positiven Vorzeichen wird sich unseres Erachtens aber auch auf absehbare Zeit nichts ändern. Schließlich ist der Wohnungsmarkt nach wie vor angespannt, und die Bautätigkeit fällt weiterhin viel zu gering aus.  

procontra: Aber Immobilienkredite sind seit dem Frühjahr im Schnitt dreimal so teuer wie vorher. Macht sich das bei der Nachfrage nicht bemerkbar?  

Tolckmitt: Die Zinsen für Immobilienkredite haben sich im ersten Halbjahr deutlich erhöht, das stimmt, zuletzt hat sich das Zinsniveau allerdings schon wieder reduziert. Welche Auswirkungen diese Entwicklung auf die Nachfrage nach Wohnimmobiliendarlehen haben wird, werden wir konkret erst in den nächsten Quartalen sehen. Denn der Immobilienmarkt läuft der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung einige Monate hinterher.  

procontra: Könnte die Immobilienfinanzierung dann in Gefahr geraten?  

Tolckmitt: Die Finanzierungszahlen der vdp-Mitgliedsinstitute deuten bereits darauf hin, dass es speziell für Schwellenhaushalte zusehends schwieriger wird, ihren Traum vom Eigenheim zu verwirklichen: Finanzierungen für selbst genutztes Wohneigentum waren im zweiten Quartal schon nicht mehr in dem Ausmaß gefragt wie zuvor. Für Ein- und Zweifamilienhäuser sowie für Eigentumswohnungen haben Kreditinstitute im zweiten Quartal 2022 Darlehen mit einem Volumen von rund 19,4 Milliarden Euro zugesagt – nach 24 Milliarden Euro im Vorquartal und 21,6 Milliarden Euro im zweiten Quartal 2021.  

procontra: Wie lautet Ihre Prognose für die Immobilienpreise in den kommenden Monaten?  

Tolckmitt: Das Umfeld ist aktuell sehr schwierig. Gleich mehrere Belastungsfaktoren kommen zusammen: der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, die Energiekrise, die gedämpften Wachstumsaussichten, die Inflation, die Engpässe bei Fachkräften und Materialien und der spürbare Zinsanstieg. Aufgrund dieser Negativfaktoren ist bei potenziellen Käufern und Bauherren schon jetzt eine gewisse Zurückhaltung zu beobachten. Wir gehen davon aus, dass sich dies zeitverzögert auch in den Index-Ergebnissen niederschlagen wird. Mit einer spürbaren Abschwächung der Preisdynamik ist zu rechnen. Künftig dürfte sich die Entwicklung der Wohnimmobilienpreise wieder stärker an den erzielbaren Mieten orientieren – zum einen, weil der langjährige Sonderfaktor, die historisch günstigen Finanzierungskonditionen, weggefallen ist, zum anderen, weil die Baukosten spürbar angestiegen sind.  

Seite 1: Positive Entwicklung auf dem deutschen Immobilienmarkt hält weiter an
Seite 2: Unter welchem Umständen ein Preiseinbruch droht