Nachhaltigkeit: Bärendienst für den Fondsstandort

Investmentfonds Top News von Jan Wagner

Mit der Quote könnte der Druck größer werden. Eine Recherche von procontra hat ergeben, dass die Quote für den deutschen Standort zumindest nicht förderlich war. Die Union Investment sagt, dass zwei von drei ESG-Fonds, die sie seit Herbst 2021 aufgelegt wurden, ihre Heimat in Luxemburg haben. Ob dieser Trend sich fortsetzt, bleibt abzuwarten. 17 von 30 nachhaltigen Fonds der Union sind in Luxemburg beheimatet, die restlichen 13 in Deutschland.  

Auch Stefan Eich, Leiter Strategisches Produktmanagement bei der Deka, sagt, er beobachte eine gewisse Vorliebe für Luxemburg bei neu aufgelegten ESG-Fonds. Eich sagt aber auch: „Es gibt durchaus Auflagen nachhaltiger Investmentvermögen in Deutschland, auch die Deka wird den Fondsstandort Deutschland für die Auflage von Fonds mit Nachhaltigkeitsmerkmalen nutzen.“

Allianz Global Investors (AGI) kann derweil mit der Quote gut leben und nennt einen Vorteil, der damit zusammenhängt: „Wir sehen (bei der Quotenerfüllung) keine kritische Einengung des Anlageuniversums. Wir denken vielmehr, dass die Etikettentreue wichtig ist. Dies erleichtert den Beratern bei der Abfrage das Leben, weil sie so relativ zuverlässige Angaben haben“, sagt ein AGI-Sprecher. Die Frage nach der Standortpräferenz ließ die AGI unbeantwortet.  

Weniger (ESG-)Fonds aufgelegt

Und was meint der BVI zu den Auswirkungen der Quote? Auf Anfrage teilte der Verband mit, dass der Anteil von in Deutschland aufgelegten ESG-Fonds im Verhältnis zu allen neu aufgelegten ESG-Fonds deutscher Anbieter von 33 Prozent im Gesamtjahr 2021 auf 27 Prozent im ersten Halbjahr 2022 zurückging. Inwieweit die „BaFin-Quote“ für diesem Rückgang verantwortlich war, ist laut dem Verband jedoch unklar. BVI-Sprecher Frank Bock sagt, die Marktturbulenzen seit des Ukraine-Krieges hätten zu einer generellen Zurückhaltung bei der Auflage geführt.

2021 wurden rund 700 Publikumsfonds bzw. Anteilscheinklassen in Deutschland aufgelegt. Im ersten Halbjahr 2022 waren es nur 280. Nur weil die Quote nicht zu einem Exodus von nachhaltigen Fonds aus Deutschland geführt hat, heißt das nicht im Umkehrschluss, dass sie für die deutsche nachhaltige Investmentindustrie gut ist. Im Gegenteil: Deutsche Fondsanbieter können immer nach Luxemburg ausweichen, wenn sie der Meinung sind, die Quote hindere sie daran, eine maximale Diversifikation zu erzielen. Diese Entscheidung wäre auch legitim, weil ihre Produkte es einfacher hätten, Klumpenrisiken zu vermeiden - wie z.B. eine Übergewichtung zugunsten des Sektors grüner Technik. Dasselbe gilt für ausländische Asset Manager, die ESG-Fonds in Deutschland anbieten wollen.  

Auch die Befürchtung, dass etwa der Luxemburger Regulierer mit einer fehlenden Quote Greenwashing fördern könnte, ist unbegründet. Das liegt an den Transparenzpflichten unter der Offenlegungsverordnung. Damit können Berater und Anleger nachvollziehen, ob die im Fondsprospekt angegebene nachhaltige Strategie wirklich umgesetzt wird. Angesichts dieser hohen Transparenz und damit des großen Reputationsrisikos wäre es für den Anbieter höchst risikoreich, wenn er Greenwashing betriebe.

Für die Aufsicht stellt die Quote jedenfalls kein Hindernis in Sachen Diversifikation dar. Den Grund nennt eine Sprecherin: „ESG bezieht sich nicht nur auf „Environment", sondern auch auf „Social" und „Governance". Zudem bietet die BaFin-Verwaltungspraxis Flexibilität. Investmentvermögen dürfen sich auch dann als nachhaltig bezeichnen, wenn sie eine nachhaltige Anlagestrategie verfolgen und bestimmte Mindestausschlüsse einhalten.“ Sollte die Quote aber letztlich doch zu einem Exodus von nachhaltigen Fonds aus Deutschland führen, würde es für die BaFin schwierig werden, in der Frage hart zu bleiben.

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