Nachhaltigkeit: Bärendienst für den Fondsstandort

Investmentfonds Top News von Jan Wagner

Obwohl die EU das Thema erledigt hatte, fährt die BaFin einen Alleingang bei der Regulierung nachhaltiger Fonds. Dessen Mehrwert ist fraglich, eine Schwächung des Fondsstandortes schon jetzt spürbar.

Bärendienst Bild: davidrasmus

Beim Thema Nachhaltigkeit legt die BaFin härtere Kritierien an als andere europäische Aufsichtsbehörden. Die Branche sieht darin einen Bärendienst für den deutschen Fondsstandort. Bild: davidrasmus

Um die Überregulierung zu verstehen, muss man auf den Spätsommer 2021 zurückblicken. Damals erfuhr die Branche, dass die BaFin die Offenlegungsverordnung verschärft hat. Die EU-Verordnung schreibt Anbietern von Fonds mit einer nachhaltigen Strategie (als „Artikel 8“ klassifiziert) und Impact-Fonds („Artikel 9“) vor, im Prospekt genau zu beschreiben, wie mit dem Thema Nachhaltigkeit, oder im Fachjargon „ESG“, umgegangen wird.  

Obwohl diese Berichtspflicht den Regulierern in anderen EU-Fondsstandorten wie beispielsweise Luxemburg oder Irland gereicht hat, argumentiert die BaFin, dass sie die Anleger nicht ausreichend vor möglichem „Greenwashing“ schütze. Laut BaFin garantiert die Offenlegungsverordnung nicht, dass der Fonds auch in der Praxis nachhaltig investiert. Auf Anfrage teilt die Behörde mit: „Anlagebedingungen von inländischen Investmentvermögen unterliegen gemäß § 163 Abs. 1 Satz 1 KAGB einer Genehmigungspflicht durch die BaFin. Die Bezeichnung eines Investmentvermögens darf nach § 4 Abs. 1 KAGB nicht irreführen.“   

Quote für deutsche ESG-Fonds

Vor diesem Hintergrund beschloss die BaFin, dass Artikel 8 und 9 Fonds, die in Deutschland aufgelegt werden, mindestens 75 Prozent nachhaltige Investments beinhalten müssen. Dabei kann man die Haltung der BaFin auch als Unterstellung auffassen: Immerhin vertrauen die anderen EU-Regulierer einfach darauf, dass der Fonds die nachhaltige Strategie umsetzt, die im Prospekt angegeben wird. Ein nachgewiesener Fall von entsprechendem Greenwashing ist bislang jedoch nicht bekannt, auch nicht bei der DWS.  

Erwartungsgemäß stieß die Quote auf heftige Kritik in der Fondsbranche. Aus einer Mitteilung vom Anfang September hieß es: „Der BVI kritisiert, dass ein BaFin-Standard, der ausschließlich für hierzulande aufgelegte Fonds gilt, dem Fondsstandort Deutschland im Wettbewerb mit anderen Auflagestandorten wie Luxemburg und Irland schwer schadet. Ausländische Fonds könnten per EU-Pass im deutschen Markt als nachhaltig vertrieben werden, ohne die Vorgaben der BaFin erfüllen zu müssen.“  

Obwohl der BVI für eine Rücknahme der Quote plädierte, blieb die BaFin bei ihrer Linie. Im weiteren Verlauf wird die Geschichte etwas verwirrend: Auf einer Pressekonferenz im Mai erklärte BaFin-Präsident Mark Branson, dass die Richtlinie für die Quote wegen des schwierigen Marktumfelds - sprich dem Ukraine-Krieg - ausgesetzt wurde. Gleichzeitig aber machte Branson klar, dass die BaFin auch ohne die entsprechende rechtliche Basis die Quote nach wie vor anwende.  

Fondsstandort geschwächt

Seitdem warnen Branchenvertreter erneut, dass die Quote dem heimischen Standort schaden könnte - auch weil deutsche Fondsanbieter nach Luxemburg ausweichen dürften. Im Interview mit procontra sagte zum Beispiel Volker Weber, Vorstandsvorsitzender des Forum für nachhaltige Geldanlagen (FNG): „Wer nun einen Nachhaltigkeitsfonds auflegen möchte, wird vermutlich auf andere Fondsplätze wie Luxemburg oder Liechtenstein ausweichen.“ Weber verwies zudem auf eine Umfrage des FNG, wonach fast die Hälfte der FNG-Mitglieder die Sachlage für unklar hielten.  

Haben sich aber die Befürchtungen hinsichtlich der Quote bewahrheitet? Das lässt sich bislang nicht eindeutig sagen. Denn was die Fondsbranche bei all ihrer Kritik nicht erwähnt: Luxemburg wurde auch bereits vor der neuen Regulierung in Sachen Nachhaltigkeit von deutschen Fondshäusern wie Deka, DWS, Union Investment und Allianz Global Investors (AGI) gern als Auflegungsland bevorzugt. Dank des EU-Passes sind Luxemburger Fonds automatisch für den deutschen Vertrieb zugelassen, was wiederum die Versorgung von Finanzberatern mit den entsprechenden Produkten sichert. Wegen des finanzplatzfreundlichen Luxemburg sieht sich der deutsche Fondsstandort also bereits heute einem hohen Wettbewerbsdruck ausgesetzt.  

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