Länderfinanzen unter Druck: Versicherungsbranche kritisiert Reformstau bei Altersvorsorge

Hannah Petersohn Berater Versicherungen

Die Überalterung der Gesellschaft wird in absehbarer Zeit in vielen Bundesländern zu hohen finanziellen Belastungen führen. Der GDV bemängelt derweil einen Reformstau bei der gesetzlichen Rente und privaten Altersvorsorge.

Demografischer Wandel: Versicherungsbranche kritisiert Reformstau bei Altersvorsorge Bild: Goodboy Picture Company

Während Stadtstaaten wie Berlin und Hamburg durch den demografischen Wandel in Zukunft keine roten Zahlen im Etat befürchten müssten, sieht das in Bundesländern wie Bayern oder Baden-Württemberg anders aus. Bild: Goodboy Picture Company

Der demografische Wandel ist ein Problem. Nicht nur bei der Suche nach geeigneten Fachkräften, sondern auch im Hinblick auf die finanziellen Belastungen der Bundesländer. Denn die jeweilige Bevölkerungsstruktur hat unmittelbaren Einfluss auf die Finanzen der Länder. Bis 2040 werden gerade Bundesländer wie Bayern und Baden-Württemberg, die jetzt noch als wirtschaftsstark gelten, ins Hintertreffen geraten. „Die Ausgaben für Ältere steigen besonders in Süddeutschland gravierend, in den nächsten Jahrzehnten vollzieht sich dort die gesellschaftliche Alterung, die anderswo bereits weiter vorangeschritten ist“, erklärt die Wissenschaftlerin Fanny Kluge.

Sie hat im Rahmen einer Studie herausgefunden, dass in knapp zwei Jahrzehnten einzig in Berlin und Hamburg die altersabhängigen Einnahmen die Ausgaben übersteigen werden. Für die Berechnung wurden die Ausgaben für Bildung und Soziales den Steuereinnahmen gegenübergestellt.

„Deutschland steht an einem demografischen Wendepunkt“, warnt auch GDV-Geschäftsführer Peter Schwark. Der Austritt der Baby-Boomer aus dem Arbeitsmarkt verschärfe das Problem. Die Politik müsse, so Schwark, ihren Fokus stärker auf die Gestaltung des demografischen Wandels legen. Das gelte für die Entwicklung der Regionen genauso wie für die Gewinnung von Fachkräften oder die Zukunft der Alterssicherungssysteme. „Sowohl bei der gesetzlichen Rente als auch der privaten Altersvorsorge baut sich ein Reformstau auf“, erklärt Schwark.

In den meisten Bundesländern wird die Alterung der Bevölkerung also in absehbarer Zeit ins Kontor schlagen. Während Stadtstaaten wie die Hochschulstandorte Berlin und Hamburg von einer vergleichsweise jungen Bevölkerung profitieren, sieht es in strukturschwachen Gegenden anders aus. Wo ohnehin schon wenig ist, wird in Zukunft noch weniger sein. So zumindest liest sich das Fazit von Andreas Edel, Leiter des Demografie-Netzwerks Population Europe und Herausgeber des Grünbuchs „Alternde Gesellschaft“, in dem auch Kluges Beitrag erschienen ist und das am Montag vom GDV vorgestellt wurde. „Wir müssen uns deshalb mit der Frage auseinandersetzen, wie wir den Teufelskreis aus alternder Bevölkerung und schrumpfenden finanziellen Ressourcen durchbrechen können“, so Edel.

Finanzausgleich wie im Fußball?

Um das befürchtete Ungleichgewicht auszuloten, schlägt Studienautorin Fanny Kluge vor, ein neues Förderinstrument für überalterte und strukturschwache Regionen einzuführen. „Denkbar ist die Einführung eines demografischen Faktors in den Länderfinanzausgleich nach Auslaufen des Solidarparkts II.“ Darüber hinaus wäre es denkbar, altersabhängige Ausgaben auf den Bund zu verlagern.

Länder oder Kommunen, in denen junge Menschen ihre Ausbildung absolviert haben, könnten wiederum von den Regionen einen finanziellen Ausgleich erhalten, in die nach Ende der Ausbildung besagte Menschen dann hingezogen sind. Kluge vergleicht ihre Idee mit einer gängigen Praxis im Fußball: „Ausbildungsvereine erhalten eine Entschädigung, wenn junge Spieler zu einem anderen Klub wechseln, und werden auch an künftigen Transfereinnahmen beteiligt.“