„Ich sehe Vermittler nicht als Gegner“

Martin Thaler Berater Versicherungen Top News

Nach über zehn Jahren legt Deutschlands schärfster Versicherungskritiker seinen Posten als Vorstandssprecher beim Bund der Versicherten nieder. Axel Kleinlein über Siege, Niederlagen und die Zukunft der Altersvorsorge.

Axel Kleinlein Bild: BdV

Tritt nach über zehn Jahren von seinem Posten als Vorstandssprecher des Bund der Versicherten zurücK. Axel Kleinlein Bild: BdV

procontra: Seit 2011 waren Sie mit kurzer Unterbrechung Vorstandssprecher des BdV gewesen. Stehen die Verbraucher in Versicherungsfragen Ihrer Meinung nach heute besser da als damals?  

Axel Kleinlein: Das ist eine schwierige Frage, weil sich die Versicherungswelt in den vergangenen Jahren stark geändert hat. Die Gesetzeslage hat sich – insbesondere im Lebensversicherungsbereich – aus Verbrauchersicht deutlich verschlechtert. Man denke nur an das Lebensversicherungsreformgesetz oder die Zinszusatzreserve. Das waren bittere Einschläge. Die neue Produktlandschaft ist sehr intransparent und bietet nur wenige Vor-, dafür umso mehr Nachteile für die Kunden. Wir konnten zwar als Verbraucherschützer den einen oder anderen positiven Akzent setzen, dennoch haben wir bei diesem Hase-Igel-Spiel mit den Lebensversicherern nicht wirklich Land gewonnen.  

procontra: Welche positiven Akzente sehen Sie denn als besonderen Erfolg?  

Kleinlein: Ich glaube, dass das Thema Verbraucherschutz an Bedeutung gewonnen hat – in der Branche selbst, aber auch in der Politik gibt es mittlerweile eine größere Sensibilität für das Thema. Die größten Duftmarken konnten wir dabei sicherlich auf europäischer Ebene setzen, beispielsweise bei der IDD oder Solvency II.  

procontra: In welcher Hinsicht hätten Sie gerne mehr erreicht?  

Kleinlein: Ich hätte mir auf jeden Fall einen Kostendeckel gewünscht. Das gleiche gilt für transparentere Lebensversicherungsprodukte und einen faireren Umgang mit den Kunden. Es ist bedauerlich, dass man, um etwas Positives für die Verbraucher zu erreichen, immer erst die Gerichte bemühen muss. Ich wünsche mir auch weiterhin mehr Nachhaltigkeit in der Produktlandschaft, insbesondere bei den Lebensversicherern. Die Produktlandschaft, wie wir sie heute vorfinden, ist nichts, was auf Jahrzehnte hinaus Bestand haben kann. In der Politik heißt es, dass stets nur auf 4-Jahres-Sicht geschaut wird. Bei vielen Versicherungsvorständen habe ich den Eindruck, dass die Zeiträume noch kürzer sind.  

procontra: Worauf spielen Sie an?  

Kleinlein: Man denke nur an Produkte wie eine Mehrtopf-Index-Police. Die versteht schon zum Zeitpunkt, zu dem sie verkauft wird, kaum jemand. Da bin ich mir ziemlich sicher, dass es in zehn Jahren nicht mehr genügend Menschen gibt, die diese Produkte nachvollziehen und diese entsprechend auch sauber führen können. Wir haben in den vergangenen 20 Jahren ein echtes Feuerwerk an neuen Tarifentwicklungen erlebt – fast schon im Jahresrhythmus sind zuletzt neue Tarife aufgelegt worden. Die Heerscharen an Mathematikern, die es bräuchte, um diese Tarife zu führen, sehe ich hingegen nicht. Darum glaube ich, dass das noch zu einem riesigen Problem für die Unternehmen werden wird.  

procontra: Eine gewisse Konstanz hat ja ihre Kritik an der Riester-Rente. Warum ist diese Debatte so ein Dauerbrenner?  

Kleinlein: Die Riester-Rente hat zwar mittlerweile im Neugeschäft keine Bedeutung mehr, aber sie ist letztlich immer noch ein politisches Prestige-Objekt. Der Name allein steht ja schon symbolisch für die damalige rote-grüne Koalition – entsprechend tun sich die beteiligten Parteien natürlich schwer einzugestehen, dass dieses Projekt letztlich gescheitert ist. Es entsteht bei den Politikern fast so etwas wie ein Pawlowscher Reflex, sobald es um die Riester-Rente geht.  

procontra: Erneut hat die Bundesregierung in den Koalitionsvertrag geschrieben, sie wolle prüfen, wie es mit der geförderten Altersvorsorge weitergehen soll. Auf welches Ergebnis hoffen Sie?  

Kleinlein: Ich würde in erster Linie auf eine Entscheidung hoffen. Es ist schließlich nicht die erste Bundesregierung, die sich einen Prüfauftrag in den Koalitionsvertrag geschrieben hat. Leider stellt man doch einen gewissen Entscheidungsunwillen fest, der damit für alle Beteiligten ein Problem darstellt: Die Versicherungsbranche weiß nicht, worauf sie sich einstellen kann, die Vermittlerschaft weiß auch nicht, wohin es geht und auch der Kunde wird, was die eigene Altersvorsorge angeht, vollkommen im Nebel gelassen.  

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