„Die Unfallversicherung hat eine große Daseinsberechtigung in der Beratung“

Unfallversicherung Berater von Juliane Moghimi

Bismarck führte sie 1884 ein, sie gilt bis heute als zweite Säule der deutschen Sozialversicherung: Die Rede ist von der gesetzlichen Unfallversicherung. Doch ist das noch zeitgemäß? Und warum sollten Vermittler die private Unfallversicherung in ihrem Portfolio haben? Lohnt sich das überhaupt? Wir haben bei Stefan Bierl von der Finanzberatung Bierl in Kirchenrohrbach im Bayerischen Wald nachgehakt.

Stefan Bierl. Bild: Finanzberatung Bierl

Stefan Bierl. Bild: Finanzberatung Bierl

procontra: Herr Bierl, innerhalb der Finanzberatung Bierl, die Sie zusammen mit Ihrem Bruder führen, haben Sie sich unter anderem auf das Thema Unfallversicherungen spezialisiert. Was reizt Sie daran?

Stefan Bierl: Die Unfallversicherung ist als Produkt extrem transparent. Es herrschen klare, auch für Laien gut nachvollziehbare Bedingungen, die sich leicht erklären lassen. Ich kann meinen Kundinnen und Kunden gut vermitteln: Wenn dies oder jenes passiert, dann erhalten Sie diese oder jene Leistungen.

Hinzu kommt, dass Unfälle wirklich jeden Menschen betreffen können. Das heißt, es handelt sich um ein Produkt, das für alle Alters- und Berufsgruppen wichtig ist, da es den Menschen ein Leben lang begleitet. Deshalb hat es eine wirklich große Daseinsberechtigung in der Beratung – nicht zuletzt als sinnvolle Ergänzung zu anderen Absicherungsthemen wie Pflege oder Berufsunfähigkeit.
 
procontra: Nun gibt es ja bis heute die von Bismarck eingeführte gesetzliche Unfallversicherung. Warum reicht diese nicht aus?

Bierl: Hierfür gibt es zwei wesentliche Gründe. Zum einen leistet die gesetzliche Versicherung nur bei Arbeits- bzw. Schul- und den sogenannten Wegeunfällen. Das heißt, alles, was im Haushalt, im Freizeitstraßenverkehr, im Urlaub, beim Sport etc. passiert, ist von vornherein ausgeschlossen. Und zum anderen beschränken sich die Leistungen aus der gesetzlichen Pflichtversicherung auf ein Minimum.

Dazu ein Beispiel: Wenn jemand nach einem Wege- oder Arbeitsunfall querschnittsgelähmt ist, dann übernimmt die Pflichtversicherung die Kosten für die Reha, gegebenenfalls eine Wiedereingliederung. Der Verunfallte bekommt zum Beispiel den einfachsten Rollstuhl zur Verfügung gestellt. Kosten für Umbauten am Haus, für einen Sport- oder Elektrorollstuhl, für ein Spezialfahrzeug deckt die gesetzliche Versicherung nicht ab. Und genau hierfür gibt es die private Unfallversicherung, die mit einer Finanzspritze einige Probleme aus der Welt schaffen kann.

procontra: Das heißt, die private Unfallversicherung leistet auch dann, wenn die gesetzliche leistet?

Bierl: So ist es. Die Leistungen werden unabhängig voneinander bezogen. Sollte es sich um einen Schul-, Arbeits- oder Wegeunfall handeln, kann neben der gesetzlichen auch die private Unfallversicherung in Anspruch genommen werden. Bei Unfällen außerhalb der Schule oder Arbeit bzw. des Weges ausschließlich die private.

procontra: Inwiefern hat sich mit der Entwicklung des Marktes auch der Unfallbegriff verändert?

Bierl: Heute wird der Unfallbegriff sehr viel weiter gefasst als noch vor einigen Jahren. Vieles ist inzwischen dazugekommen, was wir auf den ersten Blick nicht als klassischen Unfall sehen würden, zum Beispiel Zeckenbisse, Erfrierungen, allergische Reaktionen, Kontakt- und Schmierinfektionen, sogar Impfschäden – wobei diese einer besonderen ärztlichen Bestätigung bedürfen.

procontra: Wie erklären Sie sich das?

Bierl: Ganz einfach: durch den Wettbewerb. Wenn ein Anbieter etwas Neues einführt, ziehen die anderen nach, um genauso attraktiv und damit vermittelbar zu bleiben. So überbieten sie sich gegenseitig – und das ist durchaus positiv zu sehen! Wir Vermittler achten darauf, für den Kunden ein gutes Preis-Leistungsverhältnis zu schaffen, ihm einen Mehrwert zu bieten und natürlich einen Versicherer zu wählen, der im Leistungsfall eine faire Schadensbearbeitung gewährleistet.

procontra: Nun ist der Katalog an versicherten Unfallursachen inzwischen also recht lang. Was ist aus Ihrer Sicht wirklich unverzichtbar?

Bierl: Unbedingt eingeschlossen sein sollten aus meiner Sicht drei Dinge.

Erstens: Unfälle durch Eigenbewegung. Unfälle passieren oft durch ein Ereignis von außen. Aber was ist, wenn mir durch eine falsche Bewegung (Eigenbewegung) ein Unfall zustößt? Viele ältere, leistungsschwache Unfallversicherungen lehnen hier eine Schadenszahlung ab. Da muss jemand nur einen falschen Schritt beim Gehen, Wandern, Joggen etc. setzen…

Eine gute Unfallversicherung hat diesen Punkt mittlerweile als Standard dabei, bei älteren Tarifen fehlt dieser eminent wichtige Punkt.

Das Zweite ist der vollständige Verzicht auf die Anrechnung des sogenannten Mitwirkungsanteils. Früher wurden die Leistungen oft empfindlich gekürzt, wenn der Versicherer dem Verunfallten eine Mitwirkung – zum Beispiel in Form einer früheren Erkrankung – nachweisen konnte. Gute, moderne Tarife verzichten zu 100 Prozent darauf.

Und die dritte unverzichtbare Leistung ist der Einschluss von Bewusstseinsstörungen als Unfallursache. Hierunter fallen zum Beispiel Unfälle infolge von Sekundenschlaf oder nach Einnahme von Medikamenten, bei denen normalerweise keine Beeinträchtigung der Fahrtauglichkeit zu erwarten wäre. Ich persönlich würde keine Unfallversicherung vermitteln, die nicht alle diese drei Kriterien erfüllt.

procontra: Gibt es denn Erweiterungen, die nicht unbedingt sein müssen?

Bierl: Solange die oben genannten Einschlüsse gegeben sind, vertrete ich den Standpunkt: Je weiter die Unfallleistungen gefasst sind, desto besser. Auch wenn manches zunächst als Schnickschnack erscheint – es soll ruhig mit dabei sein. Auf den Preis hat der Umfang des Unfallbegriffs in der Regel keinen oder nur einen sehr geringen Einfluss. Und man weiß ja nie so genau, was einem im Leben alles an absurden und unvorhersehbaren Dingen passiert.