Comeback der Rentenfonds

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Für Staatsanleihen gibt es wieder zwei bis vier Prozent. Ist damit die Zeit gekommen, um sich Rentenfonds ins Depot zu legen? Davon sind immer mehr Anlageprofis überzeugt.

Comeback der Rentenfonds Bild: Vittorio Gravino

Es mehren sich die Stimmen, die den Kauf von Anleihen für attraktiv halten. Bild: Vittorio Gravino

An den Rentenmärkten erleben Investoren eine denkwürdige Entwicklung. Im ersten Halbjahr brachen die Kurse von Bundesanleihen und US-Treasuries mit einer Restlaufzeit von zehn Jahren um fast 20 Prozent ein. Für Staatstitel, die für Stabilität und Sicherheit stehen, ist das ein Blutbad. Angerichtet haben es die Zentralbanken in den USA und der Eurozone mit ihrer Zinswende. „Die Geldpolitik crasht den Rentenmarkt“, kommentierte Carsten Klude, Chefvolkswirt der M.M. Warburg, die Entwicklung. Niemals zuvor sei es zu einem derartigen Absturz bei den Anleihekursen gekommen – zumindest so weit, wie die Daten der Privatbank zurückreichten.

EZB nimmt den Kampf an

Parallel zu den Kursverlusten schnellten die Zinsen für neue Papiere in die Höhe, bei zehnjährigen Bundesanleihen von minus 0,2 auf plus 1,7 Prozent. Im Juli folgte die kurze Phase einer Gegenbewegung mit Kurserholung respektive Zinsrückgang. Der Grund waren aufkommende Rezessionsbefürchtungen. Da dennoch die Inflationsraten in Europa und den USA stramm auf zweistellige Prozentsätze zusteuern, musste auch die Europäische Zentralbank (EZB) ein deutliches Zeichen der Inflationsbekämpfung setzen: Anfang September erhöhte sie den Leitzins um 75 Basispunkte auf 1,25 Prozent. Es war die kräftigste Zinserhöhung in ihrer Geschichte.

Seitdem zahlt der deutsche Staat auf neu begebene zehnjährige Bundesanleihen wieder rund 1,7 Prozent. Die Entwicklung in den USA verlief ähnlich. Dort werfen zehnjährige US-Staatsanleihen sogar 3,3 Prozent ab. An diese Zahlen muss man sich erst einmal gewöhnen: Erstmals seit vielen Jahren gibt es für Zinspapiere wieder ansatzweise das, was im Namen steht: Zinsen! Anleger, die Italien Geld leihen, bekommen aktuell sogar 4,1 Prozent, um ein weiteres Beispiel zu nennen. Das sind Sphären, von denen Anleger seit Jahren nur träumen konnten.

Erwartungen sind entscheidend

Die Zinswende ist nicht auf Deutschland und die USA beschränkt, sondern hat zahlreiche Länder rund um den Globus erfasst. „Im gesamten Anleiheuniversum“, betont Benoit Anne, Anlageexperte bei MFS Investment Management, „sind die Renditen seit Jahresbeginn stark gestiegen – bei High Yield um über 400, bei Emerging Market-Staatsanleihen um etwa 350 und bei Investmentgrade-Titeln je nach Region um 235 bis 245 Basispunkte.“

Für Anleger stellen sich vor diesem Hintergrund wichtige Frage: Ist bereits die Zeit, mit Hilfe eines Rentenfonds in gut verzinste Staats- und/oder Unternehmensanleihen zu investieren? Und lohnen sich Anleihen bei einer Geldentwertung von aktuell fast acht Prozent überhaupt? Zieht man die Inflation von den aktuell möglichen Zinsen halbwegs solider Anleihen ab, ergibt sich schließlich immer noch ein realer Verlust. „Entscheidend ist nicht die aktuelle Inflationsrate. Vielmehr zählt die Inflationserwartung“, meint Markus Sack von Finanzinvest Consulting. 

Weitere Zinserhöhungen wahrscheinlich

Kurzfristig könnte der Preisauftrieb noch zunehmen. Bundesbankpräsident Joachim Nagel hält im Herbst eine Rate von zehn Prozent für möglich. Eine längere Perspektive nehmen die Fachleute der EZB ein. Eigenen Angaben zufolge rechnen sie mit durchschnittlichen Inflationsraten von 8,1 Prozent für 2022, 5,5 Prozent für 2023 und 2,3 Prozent für 2024. Insofern sind die aktuellen Anleiherenditen zwar okay, aber für eine positive Realrendite noch nicht hoch genug.

Die Inflationserwartungen können sich aber ändern; und natürlich auch die gezahlten Zinsen. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege bei der Deutschen Bank, geht fest davon aus, dass „auf den verbleibenden Sitzungen der EZB in diesem Jahr weitere kräftige Leizinsanhebungen folgen werden“. Danach aber könnte die Phase steigender Zinsen schon wieder vorbei sein. Nicht wenige Marktteilnehmer rechnen damit, dass das Ende der Zinssteigerungen in Sichtweite kommt. Der Grund: Inzwischen sei eine Rezession in der Eurozone so gut wie sicher.

Rezession scheint unausweichlich

Auch für die USA und Großbritannien deute alles auf einen Rückgang der Wirtschaftsleistung hin. Ein in der Vergangenheit stets zuverlässiger Indikator dafür sei die invertierte Zinskurve in den beiden Ländern. In diesem Fall liegen die kurzfristigen Zinsen höher als die langfristigen; normal ist der umgekehrte Verlauf. Weiter gehen Beobachter davon aus, dass die EZB auch deshalb so rasch und kräftig ihren Leitzins erhöht, um sich Munition für eine Rezession zu beschaffen, also bei Bedarf die Zinsen überhaupt erst wieder senken zu können.

Wegen dieser Konstellation mehren sich die Stimmen, die den Kauf von Anleihen für attraktiv halten. Um das Risiko von Einzelanlagen zu vermeiden, empfiehlt Andreas Görler, Senior Manager beim Vermögensverwalter Wellinvest, den Erwerb von Anteilen an einem aktiv verwalteten Rentenfonds. „Als Privatinvestor kann man im Euroraum bleiben und Staats- und Unternehmensanleihen mit mittlerer bis guter Bonität und kürzeren Laufzeiten vorziehen.“ Zwar fielen auch bei Anleihen mit kürzeren Laufzeiten die Kurse, wenn die Zinsen zunächst noch steigen. Aber bei Weitem nicht so stark wie bei langfristigen Papieren. Und unterstelle man eine Rückzahlung zu 100 Prozent, störten die Kursschwankungen nicht so sehr.

Anleger fahren auf Sicht

Ähnlich äußert sich Konstantin Veit, Leiter für Euro-Staatsanleihen beim weltgrößten Anlagemanager Pimco: „Jetzt ist ein guter Zeitpunkt für Investments in europäische Märkte für Anleihen mit kurzer Laufzeit.“ Chefvolkswirt Klude ist allerdings noch nicht ganz überzeugt: Erst wenn der Zinserhöhungszyklus seinen Zenit erreicht hat, sei der Rentenmarkt wieder attraktiv. Bis dahin sollte man warten. Fazit: Anleger müssen auf Sicht fahren und sich informieren.