Psychotherapie und PKV: „Die Reaktionen der Versicherer sind nicht zeitgemäß.“

Hannah Petersohn Berater Top News Meistgeklickt

Immer mehr Menschen werden psychisch krank. Wer dann endlich einen Platz beim Therapeuten ergattert hat, dem könnte der Weg in die private Krankenversicherung versperrt bleiben. Ob Psychotherapie auf ewig ein PKV-Killerkriterium bleiben wird und worauf Makler unbedingt achten sollten, erklärt PKV-Spezialistin Anja Glorius im procontra-Interview.

Psychotherapie und PKV: „Die Reaktionen der Versicherer sind nicht zeitgemäß. Bild: KVoptimal.de

Kritisiert den Umgang der Versicherer mit PKV-Interessenten, die eine Psychotherapie in Anspruch genommen haben: Maklerin Anja Glorius. Bild: KVoptimal.de

procontra: Bei potenziellen Neukunden fragen PKV-Versicherer bis zu zehn Jahre rückwirkend, ob eine psychotherapeutische Behandlung in Anspruch genommen wurde. Ist das in dem Abfragezeitraum der Fall, lehnen die meisten den Eintritt in die PKV ab. Warum wird es den Menschen so schwer gemacht?

Anja Glorius: Das diskutiere ich immer wieder mit den Versicherern. Schließlich nehmen immer mehr Menschen eine Psychotherapie in Anspruch. Allein in meinem Freundeskreis haben 75 Prozent aller Frauen schon einmal eine Psychotherapie gemacht. Die Behandlung hat sich im beruflichen, privaten und auch allen Lebensbereichen als Bereicherung etabliert. Heute muss niemand mehr sagen: „Augen zu und durch“. Ich habe das gegenüber den Risikoprüfern angesprochen, denn die Reaktionen der Versicherer sind bei dem Thema überhaupt nicht mehr zeitgemäß.

procontra: Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Glorius: Ein Kunde von mir ist Soldat und kam aus Afghanistan zurück. Nach einem Auslandseinsatz sind Soldaten nach seiner Aussage verpflichtet sich bei einem Psychotherapeuten vorzustellen. Allein in dem Fall steigen schon die meisten Versicherer aus. Ich glaube, das sind Ängste aus alten Zeiten. Es ist doch ein Unterschied, ob jemand dauerhaft labil ist oder einmal punktuell Hilfe braucht. Das fällt den Versicherern in der Abgrenzung aber extrem schwer.

procontra: Allerdings ist der Fall mit dem Soldaten eher ein Einzelfall, oder?

Glorius: Nicht ganz. Ich habe eine Kundin, die Sexualtherapeutin ist. Auch Therapeuten müssen im Rahmen ihrer Ausbildung selbst Therapiestunden, die als „Selbsterfahrung“ bezeichnet werden, absolvieren. Aber auch das ist anzeigepflichtig. Also musste ich mir die Berichte ihres Therapeuten besorgen, der sie drei Jahre behandelt hat. Dann musste ich mir bestätigen lassen, dass sie keine psychische Störung hatte. Hinzukam allerdings, dass sie fünf Fehlgeburten hatte und auch das bei dem Therapeuten besprochen hat. Wir mussten dem PKV-Anbieter versichern, dass die Fehlgeburten keine psychischen Folgen hatten. Die Barmenia hat das am Ende auch gezeichnet. Es gibt eben auch Versicherer, die zeitgemäß reagieren, aber 75 Prozent aller Anbieter sind völlig an der Zeit vorbei.

procontra: Was sollten Makler unbedingt beachten, wenn sie eine Risikovoranfrage bei den Versicherern stellen?

Glorius: Makler müssen unbedingt immer anonymisiert die Risikovoranfragen an die Versicherer stellen. Wer zu viel preisgibt, hat es noch schwerer in die PKV zu wechseln. Wenn Makler gleich mit einem Antrag anfragen, kann ich nur mit dem Kopf schütteln: Wird nämlich ein PKV-Antrag – inklusive Vor- und Nachname des Kunden – beim Versicherer eingereicht und dann abgelehnt, muss die Ablehnung dem nächsten angefragten PKV-Anbieter mitgeteilt werden. Und schon entsteht eine zusätzliche Hürde. Bei gesetzlich Versicherten sollten Makler unbedingt die Patientenakte der kassenärztlichen Vereinigung einsehen, man kann sich nämlich gar nicht vorstellen, wie oft eine F-Diagnose* beispielsweise vom Hausarzt gestellt wird, ohne dass es die Kunden überhaupt wissen.

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