Pflegevorsorge: Betrieb als Knotenlöser?

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Die Nachfrage nach privaten Pflegezusatzpolicen ist mau. Nun steuert die Assekuranz mit neuen Modellen gegen: Sind betriebliche Pflegeversicherungen eine Alternative?

Knotenlöser Bild: YinYang

Betriebliche Vorsorge als Knotenlöser: Noch ist der Markt der betrieblichen Pflegezusatzpolicen überschaubar, doch in der Absicherung über den Arbeitgeber schlummert Potenzial. Bild: YinYang

Die gesetzliche Pflegeversicherung hat ein gravierendes Finanzierungsproblem und es wird immer größer: Auf 400 Millionen Euro summiert sich das aktuelle Minus von Monat zu Monat. Bei den Versicherten macht sich das Problem in immer stärker steigenden Eigenanteilen bemerkbar:  2.248 Euro – so viel müssen Pflegebedürftige monatlich im Schnitt aus eigener Tasche bezahlen, wenn sie die Kosten für eine Unterbringung im Heim stemmen wollen.

Trotzdem setzen nur wenige Deutsche auf eine private Absicherung, um die klaffende Versorgungslücke zu schließen. Seit Jahren ist die Nachfrage nach privaten Pflegezusatzversicherungen gering: Von 2.732.900 abgeschlossenen Verträgen im Jahr 2017 erhöhte sich die Zahl im Jahr 2020 nur geringfügig auf 2.853.500 Verträge.

Ende vergangenen Jahres gab es einen Schwenk: Der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) registrierte ein ordentliches Plus, die Vertragszahl stieg um 14 Prozent auf 3.255.500 Verträge an. Laut PKV-Geschäftsführer Stefan Reker hatte dieser Zuwachs einen konkreten Grund: Im Juli 2021 wurde die betriebliche Pflegeversicherung CareFlex eingeführt und sicherte auf einen Schlag hunderttausende Menschen ab. Offenbar ist das Modell der betrieblichen Absicherung eine sinnvolle Ergänzung, um die Versorgungslücke in der Pflege zu schließen.

Weniger investieren in private Verträge

CareFlex ist die erste tarifvertraglich vereinbarte, arbeitgeberfinanzierte Pflegezusatzversicherung für die Angestellten der Chemie- und Pharmabranche. Der Versicherungsschutz erfolgt hier über die Firma, die Angestellten profitieren von zusätzlichem Schutz vor dem Pflegerisiko – und der Arbeitgeber kann mit der Extraleistung im Wettstreit um begehrte Fachkräfte punkten.

Bei einer stationären Versorgung erhalten CareFlex-Versicherte beispielsweise bis zu 1.000 Euro. Rund die Hälfte der Versorgungslücke ist mit diesem Modell geschlossen. Um auch die andere Hälfte abzudecken, können Versicherte die Leistungen aufstocken. „Beschäftigte müssen dadurch nicht mehr so viel in einen privaten Vertrag investieren“, erklärt Andrea Pichottka, Geschäftsführerin der zur Bergbau- und Chemie-Gewerkschaft gehörenden IG BCE Bonusagentur. 1.183 Unternehmen und 472.000 Mitarbeiter sind aktuell via CareFlex versichert. Dabei sagt Pichottka auch: 54 Prozent der Unternehmen hätten den Wunsch geäußert, auch außertarifliche Mitarbeiter und leitende Angestellte damit absichern zu wollen. „Das zeigt den enormen Bedarf“, so die Geschäftsführerin.   

Ein weiteres Beispiel für eine betriebliche Lösung ist die FEELcare-Versicherung der Halleschen. Seit April 2021 gibt es hier nicht nur Pflegeschutz für die Angestellten, sondern auch für deren Angehörige. Ist ein Mitarbeiter in der Situation, einen Angehörigen pflegen zu müssen, erhält er über FEELcare ein Pflegebudget von bis zu 900 Euro.  

Sascha Marquardt, Leiter des Kompetenzcenters Firmenkunden bei der Halleschen, nennt weitere Vorteile: „Durch FEELcare hat der Arbeitgeber weniger Ausfallzeiten und er kann Mitarbeiter an sich binden.“ Aber Marquardt gibt auch zu bedenken: Die betriebliche Pflegeversicherung der Halleschen ersetze nicht die private Vorsorge. Allerdings sei das betriebliche Modell für Angehörige eine sinnvolle Ergänzung zum privaten Schutz, um sie von der Pflege zu entlasten.  

Diese Sichtweise teilt auch die Berliner Maklerin Leonie Pfennig. Sie berät ihre Unternehmenskunden zum Thema betriebliche Pflegeversicherung und hält die über den Arbeitgeber finanzierten Policen für einen guten Zusatzschutz. Hinzu komme: „In der Beratung müssen Makler nur eine einzige Person überzeugen und sichern damit gleich mehrere Menschen ab“, sagt sie.

Der Vermittlerverband Votum hält das betriebliche Modell ebenfalls für sinnvoll, eine stärkere politische Förderung forciert er aber nicht. „Als Verband mit klarem Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft stehen wir politischen Eingriffen in privatwirtschaftliche Märkte grundsätzlich skeptisch gegenüber“, erklärt Geschäftsführer Martin Klein. Allerdings könne an den Rahmenbedingungen für die betriebliche Absicherung gefeilt werden, indem beispielsweise „Antragstellungen vereinfacht“ würden.

Die Forderung des PKV-Verbandes fällt da schon etwas vehementer aus. So machte PKV-Geschäftsführer Timm Genett kürzlich während eines Pressegesprächs deutlich: „Wenn die Politik die betriebliche Pflegeversicherung fördern würde, würden sich auch mehr Menschen und Arbeitgeber für das Produkt interessieren.“

Bund plant keine Subventionen

Subventionen der betrieblichen Pflegeabsicherung sind von Seiten des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) derweil nicht geplant. „Eine Stärkung betrieblicher Pflegevorsorgemöglichkeiten oder daneben eine Erhöhung der Pflegevorsorgezulage sind im aktuellen Koalitionsvertrag nicht vorgesehen“, teilte das BMG auf procontra-Nachfrage mit. Solchen Maßnahmen stünden zudem „die Ziele einer nachhaltigen Haushaltspolitik“ gegenüber.

Damit sind einmal mehr Berater in der Pflicht, über die Option einer betrieblichen Absicherung aufzuklären. Auch wenn die betrieblichen Modelle nicht geeignet sind, um die Versorgungslücke komplett zu schließen – Versicherte sparen mit der arbeitgeberfinanzierten Police bei der privaten Absicherung bares Geld.