Nachhaltige Verwirrung

Gastkommentar Berater Recht & Haftung Top News von Matthias Beenken

Ab diesem Dienstag sollen Versicherungsvermittler mit ihren Kunden über die Nachhaltigkeit von Versicherungsanlagen sprechen, Finanzanlagenvermittler dagegen nicht. Und wie das Gespräch ablaufen soll, dazu gibt es viele Meinungen und wenig Handfestes.

Prof. Dr. Matthias Beenken von der FH Dortmund. Bild: Beenken

Ab diesem Dienstag ist die Abfrage von Nachhaltigkeitspräferenzen ein fester Bestandteil des Vermittlungsprozesses. Doch über die Details gibt es wenig Klarheit, moniert Prof. Dr. Matthias Beenken von der FH Dortmund. Bild: Beenken

„Da sich die Union in zunehmendem Maße mit den katastrophalen und unabsehbaren Folgen des Klimawandels, der Ressourcenverknappung und anderer nachhaltigkeitsbezogener Probleme konfrontiert sieht, müssen dringend Maßnahmen ergriffen werden, um Kapital zu mobilisieren, und zwar nicht nur durch die Politik, sondern auch durch den Finanzdienstleistungssektor“, heißt es in der Begründung zur Offenlegungsverordnung der EU (2019/2088).

Detaillierte Kundenbefragung

Diesem Ziel dient auch die Delegierte Änderungsverordnung 2021/1257 zur Richtlinie IDD. Ab heute müssen Anbieter ihr Produktfreigabeverfahren bei neu entwickelten oder wesentlich veränderten Produkten um Nachhaltigkeitsaspekte ergänzen sowie diese in der laufenden Produktprüfung beachten. Für Vermittler wichtig ist, dass sie beim Vertrieb von Versicherungsanlageprodukten die Eignungsprüfung um eine Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen des Kunden ergänzen.

Die Verordnung enthält detaillierte Vorgaben, was erfragt werden muss: Ob in der Versicherungsanlage eine ökologische Nachhaltigkeit im Sinne der Taxonomieverordnung der EU (2020/852) oder eine allgemeine Nachhaltigkeit („ESG“) im Sinne der Offenlegungsverordnung einbezogen werden soll und mit welchen Mindestanteilen. Außerdem soll der Kunde bestimmen, ob die wichtigsten nachteiligen Auswirkungen auf Nachhaltigkeitsfaktoren berücksichtigt werden sollen, welcher Art und in welchem Anteil. So könnte sich ein Kunde beispielsweise wünschen, zu mindestens 50 Prozent taxonomiekonform, zu mindestens 90 Prozent ESG-konform und auf keinen Fall in Kernenergie, Kriegswaffen oder in Kinderarbeit hergestellte Produkte zu investieren.

Versäumnisse in Deutschland

Dagegen schweigt sich die Verordnung darüber aus, wie das Ganze prozessual umgesetzt werden soll. Eine zentrale Frage ist zum Beispiel, woher der Vermittler die nötigen Informationen bekommt, damit er die detailreichen Vorgaben des Kunden in die Eignungsprüfung und damit in den Abgleich mit verfügbaren Produkten einbeziehen kann.

Absurd erscheint, dass einerseits Versicherungsvermittler diese Nachhaltigkeitsberatung durchführen müssen, obwohl ihr zentraler Beratungsanlass aus Themen wie Altersvorsorge oder Absicherung von Hinterbliebenen und von Krediten besteht. Andererseits müssen Finanzanlagenvermittler und -berater diese erweiterte Eignungsprüfung nicht durchführen, obwohl die Anlageberatung den Kern ihrer Tätigkeit darstellt.

Grund ist ein Versäumnis des zuständigen Bundeswirtschaftsministeriums, das seit der letzten Bundestagswahl auch den Klimaschutz im Titel führt. In der Finanzanlagenvermittlungsverordnung fehlt ein Verweis auf die Anwendbarkeit der Delegierten Änderungsverordnung zur Richtlinie MiFID II (2021/1253) – Schwester der oben erwähnten IDD-Änderungsverordnung. Denn MiFID II und die darauf basierenden Verordnungen adressieren nur Wertpapierfirmen, nicht Finanzanlagenvermittler.

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