Künstliche Intelligenz: „Den Asset-Manager zu ersetzen steht nicht im Vordergrund“

Investmentfonds von Heike Gorres

Künstliche Intelligenz könnte Schmidhuber einst "Vater" nennen, meint die New York Times. Warum der Informatiker und Chefgründer der KI-Forschungsfirma NNAISENSE der Ansicht ist, das Potenzial des maschinellen Lernens in der Kapitalanlage sei noch lange nicht ausgeschöpft und an welcher Stelle er weltweite Regularien für nötig hält, erzählt er im procontra-Interview.

Schmidhuber Bild: KAUST

"Gründervater" der Künstlichen Intelligenz: Jürgen Schmidhuber sprach mit procontra über die Zukunft der KI in der Kapitalanlage. Bild: KAUST

procontra: Vor wenigen Jahren gab es einen Hype um das Thema, dass künstliche Intelligenz das Asset Management revolutionieren und Asset Manager ersetzen könnte. Inzwischen ist es darum sehr still geworden. Woran liegt das?

Jürgen Schmidhuber: Vielen Aufbauschungen ist ein Kern zu eigen, der anfangs hinsichtlich seiner Schnelligkeit der Umsetzbarkeit heftig überschätzt wird. Dann platzt die Blase und Enttäuschung macht sich breit. Aber viele kluge Leute arbeiten fleißig im Hintergrund an Details, die nicht sehr medienwirksam sind. Und mit der Zeit durchdringen entsprechende Innovationen die Wirtschaft und werden tatsächlich nützlich, bei der KI im Finanzbereich vielleicht genauso wie beim „Dot-Com-Boom“ 2001.

procontra: Der künstliche Asset Manager, der den Menschen überflügelt, scheint keine allzu großen Fortschritte zu machen. Wird sich das aus Ihrer Sicht ändern? Falls ja, wann könnte das sein?

Schmidhuber: Das Ziel, den menschlichen Asset Manager komplett zu ersetzen, steht derzeit für viele nicht im Vordergrund. Man fragt sich jedoch, ob man durch die Hinzunahme von KI im Investmentprozess langfristig stabilere und profitablere Vermögensanlage betreiben kann – unabhängig davon, wie genau die Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine aussieht. Grundsätzlich sollte man derzeit vermutlich die menschlichen Fähigkeiten zur Abwägung von Widersprüchen oder der Bewertung gänzlich neuer Situationen nicht einfach beiseite wischen. Gleichzeitig erscheint es aber auch nicht sinnvoll, auf die Fähigkeiten der KI zu verzichten, Information in großen Mengen bei Finanzdaten zu finden und nutzbar zu machen. Je mehr eine KI die zuvor genannten menschlichen Fähigkeiten tatsächlich erreicht, desto eher kann sie aber auch einmal alleine arbeiten.

procontra: Für eine umfassende Anwendung künstlicher Intelligenz bei der Aktienanlage, die einen deutlichen Mehrwert bringen würde, sei die Datenbasis zu klein, meint ein Vermögensverwalter. Die Anzahl der Aktiengesellschaften sei zu begrenzt, ebenso die Anzahl der Branchen und anderer sinnvoller Unterscheidungsmerkmale. Die Auswertung mithilfe von KI komme daher schnell an ihr Ende. Würde das nicht bedeuten, dass es in der Kapitalanlage letztlich keine „Übernahme“ der Maschinen geben kann, zumindest im Aktienbereich?

Schmidhuber: Technisch gesehen sind die großen Erfolge der KI bei Bild- und Sprachdaten tatsächlich nicht einfach auf Finanzdaten übertragbar. Die geringe Zahl der Aktien ist weniger problematisch. Doch wer sich auf Kursdaten beschränkt, hat in der Tat nur relativ wenige Datenpunkte – die noch dazu weitgehend abhängen von anderen Daten und Ereignissen, die in den Kursen nicht enthalten sind. Eine wirklich clevere handelnde KI wird bei ihren Entscheidungen also nicht nur vergangene Kursdaten berücksichtigen wollen, sondern auch zahlreiche weitere Daten, etwa alle möglichen Zeitungsmeldungen, Aktivitäten in sozialen Netzen, Anfragen bei Suchmaschinen, gut laufende Produkte bei Online-Händlern vor der Veröffentlichung der Quartalsberichte der entsprechenden Unternehmen, Satellitenaufnahmen von Parkplätzen vor Märkten, um deren Erfolg zu beurteilen oder von landwirtschaftlichen Feldern, um zum Beispiel mit Klimamodellen zu erwartende Ernteerträge abzuschätzen, mitgehörte Gespräche von Verkäufern, Kunden und Wirtschaftsvertretern, Gesichtssausdrücke von Händlern an der Börse und so weiter. Kurzum alle Daten, die dazu beitragen könnten, bessere Prognosen zu liefern. Einiges davon wird längst gemacht.

procontra: Vieles davon klingt allerdings nicht gerade beruhigend!

Schmidhuber: Der Erwerb vieler dieser Daten ist teuer, oft gar illegal, ja. Das wird Geheimdienste und andere jedoch nicht davon abhalten, sie zu nutzen! Aber auch die, die kleinere Brötchen backen und nur Kursdaten ansehen, können etwas daraus machen. Allerdings reicht es hier nicht, einfach KI-Erfolgsrezepte aus anderen Domänen zu kopieren. Vielmehr muss man sich maßgeschneiderte Modelle und Verfahren ausdenken und die Dinge vereinfachen, indem man die KI relevante Teilprobleme studieren lässt, zum Beispiel die relative Entwicklung von Unternehmen zueinander. Somit wird das durch Politik und Notenbanken mitverursachte Verhalten des Gesamtmarktes, das sich auf viele Unternehmen ähnlich auswirkt, bis zu einem gewissen Grade „herausgekürzt“.

procontra: Sie selbst haben an der Entwicklung von KI in der Kapitalverwaltung mitgearbeitet. Wie würden Sie das Ergebnis einordnen?

Schmidhuber: Unsere Firma NNAISENSE hat vor Jahren ein KI-basiertes System entwickelt, mit dem auf Basis der eben genannten Ideen ein Aktienfonds bei Acatis Investment verwaltet wird. Der Fonds schlägt nach Kosten seit mehr als vier Jahren seinen Vergleichsindex MSCI World – seit Januar 2021 um 25 Prozent. Besonders seit der Markt von: „Alles steigt, weil Liquidität verzweifelt Anlagemöglichkeiten sucht“ zu einer differenzierteren Wertentwicklung von Einzelaktien zurückgekehrt ist, kann das System seine Stärke ausspielen. Der Fonds hat dafür kürzlich auch eine Fünf-Sterne-Bewertung des Analyseanbieters Morningstar bekommen. Obwohl das Potential sicher noch nicht ausgeschöpft ist, würde ich hier schon von einem deutlichen Mehrwert sprechen.

procontra: Blockhain und Kryptowährungen sind die neuen Schlagworte, was die technologische Entwicklung im Finanzbereich betrifft. Wie ordnen Sie diese Technologien und deren künftige Bedeutung ein? Wo sehen Sie dort eine mögliche Verbesserung mit künstlicher Intelligenz?

Schmidhuber: Auch hier haben wir es teilweise mit Aufbauschungen zu tun. Nur wenige Menschen machen sich die Mühe zu verstehen, was die Technik wirklich kann und was nicht. Momentan herrscht bei den Kryptowährungen Anarchie! Es wird spekuliert wie zu den besten Zeiten von Tulpenzwiebeln und Dot-Com-Aktien! Investoren werden zum Teil über den Tisch gezogen, illegale Aktivitäten mit Kryptowährungen abgewickelt. Eine Aufgabe wird daher sein, die durchaus sinnvoll nutzbare Technologie der Blockchain-Infrastruktur durch Regulierung und Einbindung in ein globales Rechtssystem tatsächlich zu etwas Nützlichem zu machen. Grundsätzlich könnte man sich zum Beispiel vorstellen, dass Transaktionen und Kommunikation zwischen KI-Systemen, die künftig Ressourcenströme koordinieren werden, mittels Blockchain und „intelligenten Kontrakten“ abgewickelt und dokumentiert werden.

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