„Kein aktiver Vertrieb von Fonds mit Kernkraft“

Investmentfonds Top News von Heike Gorres

Atomkraft und fossiles Gas gelten laut EU nun als nachhaltig. Volker Weber, Vorstandsvorsitzender des Forums Nachhaltige Geldanlagen FNG, legt im Interview dar, was dies für das Forum, die Finanzbranche, die Vertriebe und die Anleger bedeutet.

Volker Weber Bild: FNG

Volker Weber hat seit 2007 den Vorstandsvorsitz des Forum Nachhaltige Geldanlagen e.V. inne und ist seit 2015 Mitglied des Board of Directors des Verbandes European Sustainable Investment Forum, kurz Eurosif. Seit 2019 ist Weber außerdem Vorstand der Nixdorf Kapital AG. Bild: FNG

procontra: Das EU-Parlament hat die Entscheidung der EU-Kommission, Atomkraft und fossiles Gas als „nachhaltig“ einzustufen, im Juli abgesegnet. Was bedeutet das für das Forum Nachhaltige Geldanlagen?  

Volker Weber: Diese Entscheidung ändert unsere Position nicht. Wir haben uns bereits im Sommer vergangenen Jahres zu dem Thema positioniert: Wir sprechen uns gegen die Klassifizierung von Atom und Gas als nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten aus. Kurz vor der Abstimmung im EU-Parlament haben wir dies auch nochmals in einem Anschreiben gegenüber ausgewählten Mitgliedern des Europaparlaments dargelegt. Hinzu kommt: Atomenergie ist eines der häufigsten Ausschlusskriterien bei Nachhaltigkeitsfonds in Deutschland! Wir halten die Entscheidung insgesamt für kontraproduktiv, die nun gerade bei Anlegern aber auch bei Finanzmarktteilnehmern für große Verwirrung sorgt.  

procontra: Könnte das Forum Nachhaltige Geldanlagen nicht indirekt vom Markt oder von Produktanbietern dazu gedrängt werden, diese Einstufung bei der Bewertung der Nachhaltigkeit von Fonds zu übernehmen?

Weber: Viele unserer Mitglieder haben den offenen Brief zum Ausschluss von Atomkraft als nachhaltige Wirtschaftsaktivität unter der EU Taxonomie-Verordnung unterzeichnet. Außerdem haben einige große Asset Manager bereits angekündigt, dass sie ihre Nachhaltigkeitsfilter diesbezüglich nicht anpassen werden. Bei der Nachhaltigkeitsbewertung beziehen Sie sich vermutlich auf das FNG-Siegel. Hier ist klar zwischen dem FNG und der „Qualitätssicherungsgesellschaft Nachhaltiger Geldanlagen“ QNG zu trennen, die die operative Gesamtverantwortung für das FNG-Siegel trägt. Das FNG war 2015 Initiator, hat aber keinen Einfluss auf die weitere Ausgestaltung der Kriterien, um die Unabhängigkeit des Siegels zu garantieren. Prüfer des Siegels ist die Sustainable Finance Research Group der Universität Hamburg, die auch Research erstellt und mit der QNG für die Weiterentwicklung der Methodik des FNG-Siegels verantwortlich ist.

procontra: Wie könnten andere Bewertungsanbieter für die Nachhaltigkeit von Fonds nun mit der Einstufung von Atom und Gas umgehen?  

Weber: Generell ist Transparenz wichtig! Sowohl institutionelle Investoren als auch die Privatanlegerseite sollten sich schnell und einfach informieren können, in was ihr Geld investiert wird.  

procontra: Einige Fondsanbieter wollen womöglich beiden Gruppierungen etwas anbieten.  

Weber: Dafür gibt es im Grunde seit 2019 die Offenlegungsverordnung. Diese Verordnung regelt die Offenlegungspflichten von Finanzdienstleistungen bezüglich der Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsthemen in ihren Strategien, Prozessen und Produkten. Zusammen mit unseren Partnern bei dem „Europäischen Forum für Nachhaltige Investitionen“ Eurosif engagieren wir uns schon lange in diesem Bereich: Seit 2008 haben wir den europäischen Transparenzkodex, nach dem als „nachhaltig“ bezeichnete Produkte sehr genau ihre Nachhaltigkeitsstrategien beschreiben müssen. Wenn es bei einem Fonds zum Beispiel heißt, dass er einen breit angelegten Ansatz verfolgt, die Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaftsordnung, wie sie die EU anstrebt, unterstützen will und hierfür in Kernkraft oder fossile Energieträger investieren kann, dann ist das transparent dokumentiert. Die Entscheidung, in den Fonds zu investieren liegt dann bei den Verbrauchern. Wichtig ist, dass Anbieter das Anlagekonzept transparent machen.  

procontra: Anleger sollten sich also nicht nur schlau machen über die Ansätze von Nachhaltigkeitsfonds, sondern auch eine klare Meinung haben zu den unterschiedlichen Energieträgern.  

Weber: Letztlich ist es immer in der Verantwortung jedes Investors zu wissen, in was er investiert. Verbraucher müssen sich schon zu einem gewissen Grad damit beschäftigen und Grundsatzentscheidungen treffen. Dazu zählt auch das Thema, ob jemand Atomkraft im Fonds haben möchte oder nicht.  

procontra: Einige als nachhaltig angebotene Fonds enthalten hohe Anteile an Staatsanleihen von Ländern, die auf Atomkraft setzen, zum Beispiel Frankreich. Anleger müssen also sehr genau hinschauen.  

Weber: ESG-Kriterien für die Berücksichtigung von Ökologie, Sozialem und guter Unternehmensführung zum Beispiel können Fondsanbieter natürlich auch auf Staaten anwenden. Wenn sich ein Staat nach einem ESG-Filterprozess eines Fonds für ein Investment qualifiziert, können auch Anleihen dieses Staates gekauft werden. Es ist nur wichtig, dass Kunden vor ihrer Kaufentscheidung wissen, wie der Nachhaltigkeitsansatz aussieht. Darauf zielt auch die Taxonomie und vor allem die Offenlegungsverordnung der EU ab.  

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