Aktienkauf: So lassen sich Kursanstiege frühzeitig erkennen

Investmentfonds Berater Top News von Heike Gorres

procontra: Was waren extreme Stimmungsbilder, die Sie festgestellt haben und was folgte dann in der Realität? Anfang Mai berichteten Sie zum Beispiel von einem niedrigen Punktestand für Aktien aus Euroland, den Sie noch nie zuvor gemessen hätten. „Meist treten solche Stimmungsextreme in der Nähe von Markttiefs auf. Sehr starke Stimmungseinbrüche können aber auch eine letzte große Lawine auslösen, die von Kurzschlusshandlungen begleitet werden. Dies war beispielsweise im August 2008 der Fall“, lautete die Interpretation.  

Hübner: Mit dem Punktestand im Mai haben Sie bereits einen der stärksten Extremwerte genannt. Generell kann man zwar sagen: Nach großem Pessimismus kommen steigende Preise. Wenn Sie es aber genauer analysieren, stellen Sie fest, dass extremer Pessimismus nicht ganz so „gut“ ist im Sinne einer bevorstehenden Marktdrehung wie fast extremer Pessimismus. Das hängt mit der Grundeinstellung zusammen. Wenn die Stimmung schlecht ist und der Wert des strategischen Bias nicht ansteigt, fehlt es an positiver Grundüberzeugung. Das ist dann extremer Pessimismus. In dieser Situation sind wir derzeit. Für einen „guten“ Boden, ab dem der Markt drehen könnte, fehlt eine positive Grundüberzeugung. Das wäre dann fast extremer Pessimismus.  

procontra: Sie machen also aus bestimmten Signalen zur Stimmung und zur Grundeinstellung mögliche Wendepunkte aus.

Hübner: Ja. Im Regelfall beginnt der strategische Bias zu steigen, bevor der Markt sein Tief durchschreitet. Das ist auch logisch, weil die Anleger irgendwo im Trendverlauf sehen, dass die Aktien sehr viel billiger geworden sind und schauen nach Kaufgelegenheiten. Das war zum Beispiel 2003 sehr schön zu sehen am Ende der geplatzten Dot-Com-Blase. Die Kurse waren am Boden, aber schon im Tief wurde die mittelfristige Erwartung positiver, während das Sentiment noch negativ blieb. Die Anleger hatten noch Angst aus der Dot-Com-Blase heraus, zeigten aber wieder Kaufbereitschaft. Die „guten“ Tiefpunkte zeichnen sich dadurch aus, dass der Bias schon steigt, während die Stimmung schlecht ist. Das ist ein idealer Zeitpunkt zum Kauf – noch dazu, wenn die Depotstände leer sind und Anleger somit kräftig investieren können.  

procontra: Im weiteren Verlauf des Mai haben die Aktienkurse wieder etwas angezogen. Wie ordnen Sie dies ein?

Hübner: Ende Mai zeigte sich die Besonderheit, dass das Sentiment gestiegen ist nach leichten Kursanstiegen an den Börsen, doch das Grundvertrauen sich nach wie vor nicht verbessert hat. Das ist für uns „schlechter“ Optimismus. Wenn sich diese Konstellation in den nächsten vier Wochen nicht verändert, stimmungsmäßig also womöglich noch ein Optimismusschub kommt und die Grundüberzeugung schwach bleibt, haben wir ein relativ hohes Risiko, dass die Sommerwochen problematisch werden.

procontra: Welche weiteren zentralen Annahmen nutzen Sie, um das Marktgeschehen zu deuten?

Hübner: Neben den verschiedenen Signalen selbst werten wir auch deren Verlaufsmuster aus. Wenn wir zum Beispiel ein bestimmtes Sentiment häufig in der Datenbank beobachten, betrachten wir, wie sich der Markt im Durchschnitt vorher bewegt hat und wie danach. Für ein sehr negatives Sentiment zum Beispiel brauchen Sie im Regelfall zwanzig Handelstage hintereinander deutlich fallende Kurse. Danach sind die Leute einfach fertig! Im Mai hatten wir ein solches Sentiment nach zwanzig Tagen fallenden Kursen. Kurz danach ist die Stimmung leicht angestiegen, wie es auch typischerweise der Fall ist. Wenn das Entstehungsmuster entsprechend unserer Auswertung typisch ist, ist im Regelfall auch die Folgewirkung typisch.

procontra: Wie deuten Sie eine sehr negative Stimmung ohne zuvor längere Kursverluste?

Hübner: Wenn ein sehr negatives Sentiment entsteht, ohne dass die Kurse vorher länger gefallen sind, muss man umgekehrt anzweifeln, dass die Folgewirkung so sein wird, wie im typischen Fall. Einfach aus dem Grund, weil die Leute nicht die Reaktionszeit hatten. Die Angst ist zwar da. Die Stimmung ist in diesem Fall aber etwas anders einzuordnen, als wenn die Kurse vorher über eine längere Periode gefallen sind. Der Aspekt, wie eine Stimmung entstanden ist und was man daraus ableiten kann, wird aus unserer Sicht von vielen im Markt noch unterschätzt.

procontra: Können Stimmungsbilder Marktereignisse nicht auch forcieren?  

Hübner: Das ist das Henne-Ei-Problem: Es lässt sich nicht sagen, was zuerst da war. Denn alles ist mit allem verbunden. Letztlich ist es so: Die Stimmung ist eine Funktion vom Preis. Wenn Marktpreise steigen oder fallen, führt das dazu, dass die Stimmung besser wird oder schlechter. Sind die Stimmungen extrem, wirken sie wiederum auf den Preis ein, weil der Markt sehr einseitig geworden ist. Es gibt in diesem Spiel keinen Anfang und kein Ende.

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