Aktienkauf: So lassen sich Kursanstiege frühzeitig erkennen

Investmentfonds Berater Top News von Heike Gorres

Sentix führt regelmäßige Kapitalmarktumfragen durch und erzeugt damit ein Stimmungsbarometer der Anleger. Was dieses über mögliche Kursentwicklungen aussagt, erläutert Firmen-Chef Manfred Hübner.

Manfred Hübner Bild: Sentix

Setzt auf Behavioral Finance: Manfred Hübner, Chef der Investment-Beratungsfirma Sentix. Bild: Sentix

procontra: Derzeit kommen nicht sehr alltägliche Faktoren zusammen, etwa hohe Inflation bei niedrigen oder negativen Zinsen in Industrieländern, stark steigende Energiepreise, Lieferengpässe, große Unsicherheit aus dem Russland-Ukraine-Krieg. Inwieweit können Stimmungsindizes in Phasen wie diesen überhaupt „funktionieren“ und daraus valide Aussagen abgeleitet werden?  

Manfred Hübner: Stimmungsindizes funktionieren gerade dann besonders gut, wenn große Unsicherheiten bestehen. Denn im Regelfall befördert die Unsicherheit die Emotion. Überall dort wo, vereinfacht gesagt, Wissen verloren geht, nehmen Emotionen einen immer größeren Raum ein. Das führt auch bei den Indikatoren zu stärkeren Ausprägungen. Und je stärker die Ausprägungen, umso leichter ist es, die Situation zu erkennen und daraus Informationen abzuleiten.  

procontra: Das klingt sehr abstrakt. Wie sieht das konkret aus?  

Hübner: Das Entscheidungsverhalten von Menschen wird im Großen und Ganzen von drei Parametern bestimmt: „Wissen“, „Emotion“ und „Handlung“, das, was sie bisher getan haben. In dem Moment, in dem der Anteil des Wissens kleiner wird, weil etwa viele neue unbekannte Faktoren auftreten oder sehr komplex und widersprüchlich werden und damit die Abschätzung der Folgen sehr kompliziert wird, erhalten die Parameter Emotion und Handlung zwangsläufig mehr Gewicht und Einfluss. Wenn Sie zum Beispiel hoch investiert sind und die Kurse fallen nach einem unvorhersehbaren einschneidenden Ereignis, entstehen Überlebensängste. Es werden grundlegende Bereiche des Menschen berührt. So entstehen Handlungsautomatismen, die sich auch aus Ihrer Positionierung im Markt ergeben.  

procontra: Sie leiten aus Umfragewerten Stimmungsbilder ab und Aussagen, was diese Bilder bedeuten. Worauf gründen Sie diese Aussagen? Wenden Sie zum Beispiel schematisch das gesammelte Lehrbuchwissen aus der Behavioral Finance an?  

Hübner: In einer wöchentlichen standardisierten Online-Kapitalmarktumfrage sammeln wir zunächst die Daten für die verschiedenen Indizes und Indikatoren. Die Fragen sind so ausgewählt und gestellt, dass sie die drei Parameter des Entscheidungsverhaltens berücksichtigen. Zum Beispiel fragen wir nach der Einschätzung, wie sich der Deutsche Aktienindex DAX auf Sicht von einem Monat und von sechs Monaten entwickeln wird. Die unterschiedlichen Zeithorizonte trennen zu einem gewissen Grad die Emotion vom Wissen. Denn bei der Sicht auf einen Monat sind die Teilnehmer sehr in der Gegenwart verhaftet und antworten stark entsprechend dem, was sie gerade beschäftigt. Dies ist im Regelfall stark von der Emotion beeinflusst. Bei der mittelfristigen Sicht auf sechs Monate stellen die Menschen tendenziell umfassendere Überlegungen an, etwa zum Verlauf der Konjunktur oder zur Einschätzung, ob der Aktienmarkt teuer oder billig ist. Der Verhaltensökonom Richard Thaler hat dies einmal umschrieben als „schnelles“ und „langsames“ Denken. Bei der Einmonats-Sicht kommt eher das „schnelle“, emotionale Denken zum Tragen und bei der Sechsmonats-Sicht das „langsame“, reflektierte Denken.  

procontra: Wie verarbeiten Sie die gewonnen Daten?  

Hübner: Die Fragen zur kurzen Frist zum Beispiel fangen das eigentliche Sentiment, die Stimmungslage ein. Die Fragen zur mittelfristigen Sicht erfassen mehr die Grundüberzeugung oder Wertwahrnehmung der Teilnehmer, was wir strategischen Bias nennen. Für die Auswertung der Daten und deren Interpretation nutzen wir zum einen eigene Modelle und statistische Analysen. Dazu kommen natürlich Erkenntnisse aus der Theorie, insbesondere zur Behavioral Finance und zum Börsengeschehen, um die Ergebnisse einzuordnen. Ein weiterer Faktor ist unsere Erfahrung, die auch helfen kann bei der Interpretation einer Situation. Es ist immer ein Zusammenspiel aus diesen Elementen.  

procontra: Welche Verhaltensmuster kommen aus Ihrer Sicht besonders zum Tragen?  

Hübner: Stimmungen schwanken im Regelfall sehr schnell zwischen den Polen Angst und Gier. Sie sind außerdem ein konträrer Indikator. Ein sehr einseitiges negatives Stimmungsbild zum Beispiel ist ein Indiz dafür, dass die Kurse danach steigen. Wenn Sie sehr negativ gestimmt und gleichzeitig voll investiert als Beispiel für den Parameter „Handlung“, bekommen Sie Angst um ihr Geld. Diese Angst können Sie im Regelfall nicht sehr lange aushalten! Sie versuchen, sich den Schmerz, der damit einhergeht, von der Seele zu nehmen, indem Sie verkaufen oder Absicherungen vornehmen. Die Angst führt grundsätzlich, bei allen Menschen, zu Handlungsdruck, früher oder später. Das erzeugt dann das Potenzial für die Gegenbewegung. Wer seine Angst überwindet und antizyklisch kauft, wird in einer solchen Situation im Regelfall gut entlohnt.

procontra: Welche Rolle spielt dann die mittelfristige Sicht im Verhalten der Anleger?  

Hübner: Die Grundüberzeugung, der strategische Bias spiegelt ein gewisses Klima im Markt. Wenn die Anleger mittelfristig wieder optimistischer werden, entsteht das, was wir eine Buy-on-dip-Mentalität nennen, Kauf nach Kursrückgang. In dem Maße, in dem Sie mittelfristig optimistisch sind, können Sie zwar kurzfristig noch Angst haben, fangen aber bereits an, nach Chancen zu suchen. Umgekehrt ist es bei einem Hoch. Bevor die Kurse wieder anfangen zu fallen, haben Sie in der Regel bereits einen Rückgang im strategischen Bias. Denn wenn die Kurse sehr weit oben sind, gibt es die ersten Anleger, die sagen, dass die Aktien reichlich teuer geworden sind. Das heißt nicht, dass sie sofort verkaufen. Aber es machen sich Zweifel an der Werthaltigkeit der Aktien bemerkbar. Der mittelfristige Index hat somit eine Vorlauffunktion. Dann kann es irgendein Event sein, eine negative Konjunkturprognose, eine Gewinnwarnung oder was auch immer, dass die Anleger sagen: Jetzt verkaufe ich! Denn das hatte ich sowieso vor.

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