Privater Cyberschutz: „Versicherer verkennen das Cyber-Potenzial“

Carla Fritz Versicherungen Top News

Die Produktgestaltung ist noch nicht durchdacht, Schnittmengen zu anderen Versicherungen erschweren Bedarfsermittlung und Vergleiche: Prof. Dr. Michael Fortmann vom Institut für Versicherungswesen der TH Köln erklärt im procontra-Interview, warum der private Cyberschutz nicht vom Fleck kommt.

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Der private Cyberversicherungsschutz kommt nicht vom Fleck: Prof. Dr. Michael Fortmann bezieht im procontra-Interview zu den Gründen Position. Bild: privat

procontra: Von Cyberversicherungen im Privatkundenbereich hört und sieht man bisher wenig am Markt. Im Gegensatz zum Gewerbebereich, für den die Assekuranz kräftig trommelt. Dass die Thematik gleichzeitig ein ganzes Buch füllt, lässt auf eine gewisse Problemfülle schließen?

Michael Fortmann: Es ist auf jeden Fall noch kein rundes Konzept und es gibt viele offene Fragen. Der Bedarf wäre schon da. Aber ob Verbraucherbelange von den derzeitigen Cyberprodukten – mit sehr unterschiedlichen Ansätzen – hundertprozentig erfüllt werden? Da habe ich meine Zweifel. Und man muss am Markt schon sehr lange danach suchen und findet sie – auch bei den einzelnen Versicherern – nicht immer auf Anhieb.

procontra: Wie sortiert sich denn der Markt bisher?

Michael Fortmann: Von ‚sortiert‘ kann nicht die Rede sein. Derzeit bieten rund 20 Gesellschaften privaten Cyberversicherungsschutz an, ein eigenständiges Produkt dabei nur wenige – man kann sie an einer Hand abzählen. Meist ist er als Zusatzbaustein angedockt, zum Beispiel in einigen Rechtsschutzversicherungen. Dort findet man mittlerweile auch in der aktuellen ARB-Version des GDV einen optionalen Cyber-Musterbaustein. Auch in der Hausrat gibt es einige Anbieter, bei der Privathaftpflicht eher weniger. Im Unterschied zur gewerblichen Cyberpolice haben wir es hier also mit vier unterschiedlichen Policenarten zu tun ...

procontra: … aus denen der Kunde, respektive Makler sich den Cyberschutz zusammensuchen muss. Woran kann man sich halten – ohne Musterbedingungen als Orientierungshilfe? Die gibt es vom GDV bisher ja nur für die Cyberpolice auf gewerblicher Seite.

Michael Fortmann: Orientierung an den Deckungsinhalten. Interneteinkauf. Internetverkauf. Cybermobbing. Online-Banking etc. In den Policen werden meist die gleichen Stichworte benutzt. Zu prüfen wäre dann – und das macht es nicht einfacher: Was hat der Verbraucher beziehungsweise Kunde hier vielleicht auch schon in seinen Policen abgedeckt? Betrug beim Geldabheben oder Interneteinkauf, Cyberattacken beim Online-Banking? Hat er oder sie im Rechtsschutz vielleicht schon den optionalen Cyberbaustein mit abgeschlossen? Lohnt sich dann eine separate Cyberpolice überhaupt noch?  Schließlich will man möglichst keine Doppelungen haben. Überschneidungen sind hier jedoch schwer in den Griff zu bekommen.

procontra: Vor circa zehn Jahren ist die Cyberversicherung auf den Markt gekommen, zunächst fürs Gewerbe. Sollte da inzwischen auch für Privat nicht mehr passiert sein? Mit Home-Office, Home-Schooling und Online-Shopping ohnehin ist die Zeit ja auch nicht stehengeblieben. Mehr Online-Policenabschlüsse sind auch Indiz dafür.

Michael Fortmann: Die Absicherung für Verbraucher ist erst in den letzten Jahren entstanden. Der Treiber im Gewerbe sind die spektakulären Schadenfälle mit den großen Schlagzeilen. Von Attacken am Bankautomaten, wo Kunden bestohlen werden oder ihre PIN ausgespäht wurde, bekommt man selten etwas mit. Insofern: Die Versicherer erkennen vielleicht das Potenzial für den privaten Cyberschutz nicht und tun sich im Moment auch schwer, ihre Rolle in diesem Bereich zu finden, tasten sich erst heran. Vieles in der Produktgestaltung und Formulierung ist noch nicht bis ins letzte Detail durchdacht.

procontra: Woran stoßen Sie sich insbesondere?

Michael Fortmann: Wer Bezahldienste wie beispielsweise PayPal nutzt, hat als Betrugsopfer bereits dadurch Käufer- und teilweise auch Verkäuferschutz analog den Bausteinen in der Cyberversicherung. Beim Abschluss einer solchen Versicherung würde ich deshalb erwarten, dass der Versicherer reguliert, also auch der Ansprechpartner für den Kunden ist und sich beim Dienstleister schadlos hält. Aber so funktionieren die meisten Produkte im Moment nicht. Soweit ein solcher Anspruch des Verbrauchers, auch gegen Banken oder andere Dienstleister besteht, greifen die meisten Cyberversicherungen für Privatkunden nicht mehr.

procontra: Nach welcher Maßgabe? Was steht dazu im Kleingedruckten?

Michael Fortmann: Die Versicherung ist subsidiär zu Ansprüchen Dritter, also nachrangig. De facto sagt der Versicherer zugespitzt: Ich decke einen Sachverhalt, aber sofern ein anderer den Schaden daraus übernimmt, erhältst du von mir keine Leistung. Wofür schließt man die Versicherung dann ab? Damit sie mir sagt, an wen ich mich wenden soll? Hier, aber auch an anderer Stelle wird man nachschärfen müssen.

procontra: Nachschärfen. Das heißt im erwähnten Beispiel konkret was?

Michael Fortmann: Was hindert die Gesellschaften, sich die Ansprüche gegen den Bezahldienst abtreten zu lassen und selbst zu regulieren? Bei einem Cyberschaden würde ich als Verbraucher von meiner Versicherung erwarten, dass ich mich an sie wende und alles wird gut. Das wäre der Idealfall. Aber man kann ja daran arbeiten. Dabei geht es nicht zuerst darum, welche Risiken man decken will.

procontra: Sondern?

Fortmann: Mit Cyberbausteinen Teilbereiche abdecken, Präsenz am Markt zeigen, das kann man machen. Um dort Erfolg zu haben, wäre doch aber vielmehr zu klären: Wie will man sich dort positionieren und vom Verbraucher wahrgenommen werden? Anders gesagt: Will man nur ein ‚Alibiprodukt‘ haben nach dem Motto: Wir können auch Cyber! Oder will man tatsächlich auch Cyberkompetenz beweisen und den Privatkunden im Schadenfall nicht alleine lassen?

procontra: Worauf wollen Sie hinaus?

Fortmann: Wenn man dem Verbraucher helfen will, und davon gehe ich aus, müsste man – ähnlich wie im gewerblichen Bereich – Betroffene an die Hand nehmen. Müsste zum Beispiel auch Dienstleister nennen, die Daten und Computer wiederherstellen. Rechtsanwälte, die sich in diesem Bereich auskennen. Vielleicht sogar Forensiker, die dann auch Hinweise zur Schadenverhütung geben können. Über Rahmenverträge hätten Versicherer hier viel schneller Zugriff auf Experten als der Kunde.

procontra: Dann muss man aber auch über die Kosten reden und über die massenhaften, eher kleineren Schadenfälle in diesem Bereich.

Fortmann: Im Einzelfall betrachtet ist der Forensiker zu teuer. Aber wenn er eine Spur findet, wie die Hacker eingedrungen sind, kann er diese Lücke bei einer deutlich größeren Zahl von Versicherungsnehmern schließen und so Schadenfälle verhindern.

Und im Hinblick auf das viele Kleinklein sind wir hier auch nicht mehr in der Situation wie vor 10 oder 20 Jahren, wo jeder Schadenfall tatsächlich auch von einem ‚echten‘ Sachbearbeiter begutachtet werden muss. Gerade beim Massengeschäft kann man viel mit Standardvorgängen arbeiten. KI oder auch Dunkelverarbeitung könnten dabei wahrscheinlich gut helfen.

procontra: Kann man als Makler heute einem Kunden raten, eine private Cyberversicherung abzuschließen?

Fortmann: Das hängt vom Einzelfall ab. Wer Online-Banking macht, für den kann der Schutz sinnvoll sein. Cybermobbing – hier gibt es anwaltliche Leistungen, teilweise auch eingeschränkt psychologische Beratung, aber keine Behandlung. Da stellt sich generell die Frage: Ist das nicht eher eine Sache für die Krankenversicherung? Auf der anderen Seite sind bestimmte Risiken noch nicht berücksichtigt. Ich erinnere an einen Schadenfall in Finnland. Dort haben Hacker hochsensible Daten aus einer psychiatrischen Einrichtung abgezogen und nicht nur sie erpresst, sondern auch die Patienten. Auch da könnte man Verbrauchern Schutz geben.

procontra: Viele Anregungen, die auf Umsetzung warten. Wie sehen Sie die Chancen dafür?

Fortmann: Ratings könnten hier sicherlich die Produktqualität fördern, indem man Vergleichbarkeit herstellt. Makler haben so Anhaltspunkte, welche Produkte die besten am Markt sind. Eine gute Bewertung als Ansporn hat auch in anderen Bereichen geholfen.

Zur Person

Prof. Dr. Michael Fortmann ist einer der Studiengangsleiter für Versicherungsrecht an der TH Köln, lehrt und forscht zu Versicherungsvertragsrecht und Haftpflichtversicherung, insbesondere mit den Schwerpunkten Cyberversicherung, D&O- und Vertrauensschadenversicherung.