Präferenzabfrage: Fehlende Standards erhöhen Haftungsrisiken für Vermittler

Stefan Terliesner Berater Highlights 2022

Ab August müssen Vermittler die Nachhaltigkeitspräferenzen ihrer Kunden abfragen. Doch: Es fehlt an verbindlichen Standards – mit Folgen für die Haftung. Wie Makler dennoch ihren Beratungspflichten gerecht werden können

Abfrage Bild: alvarez

Der Start der "grünen" Beratung ist mit etlichen Problemen behaftet. Es fehlen vor allem maßgebliche regulatorische Grundlagen. Bild: alvarez

Ab 2. August müssen Versicherungsvermittler ihre Kunden nach ihren Nachhaltigkeitspräferenzen befragen und ihnen entsprechende Produkte anbieten. Das Dreieck in der Geldanlage von Rendite, Sicherheit und Liquidität ist dadurch zu einem Viereck mit Nachhaltigkeit als weiterem Ziel geworden – so verlangte es die Delegierte Verordnung zur Änderung der Finanzmarktrichtlinie MiFID II. Die Regelung ist Teil einer umfassenden Regulierung aus Richtlinien, Verordnungen, Rechtsakten, Normen und Vereinbarungen, mit der die EU-Kommission das Geld der Anleger in nachhaltige Projekte lenken will. Besonders wichtig ist die EU-Taxonomie, die festlegt, wann und wie eine Anlage als „grün“ zu bewerten ist.

Details und Standards fehlen

Bereits der Start der „grünen“ Beratung ist mit Problemen behaftet. Zunächst einmal fehlen maßgebliche regulatorische Grundlagen. Denn Level 2 der Offenlegungsverordnung, der die detaillierten Umsetzungsvorgaben, also die technischen Regulierungsstandards umfasst, tritt erst Anfang 2023 in Kraft. Erst von diesem Zeitpunkt an ist es im Verkaufsprospekt verpflichtend, die Informationen zu den nachhaltigen Eigenschaften offenzulegen. Die zeitliche Lücke von fünf Monaten ist mit Haftungsrisiken für Vermittler verbunden. „Das wird den Verdruss über eine eigentlich gut gemeinte europäische Idee weiter steigern“, so Martin Klein, Geschäftsführer von Votum Verband Unabhängiger Finanzdienstleistungsunternehmen.

Ohnehin habe das Bundeswirtschaftsministerium erst im Juni auf Nachfrage bestätigt, dass § 34f-Vermittler weder auf Grund von direkt geltenden EU-Recht noch durch die Finanzanlagenvermittlerverordnung (FinVermV) verpflichtet sind, die Nachhaltigkeitspräferenzen ihrer Kunden zu ermitteln. Das Ministerium hege aber die Hoffnung, dass Finanzanlagevermittler dies freiwillig tun. Klein geht davon aus, dass es bei diesem Appell zur Freiwilligkeit nicht bleibt und der Gesetzgeber die FinVermV anpasst. Bis dahin stehe die Branche „vor der absurden Situation, dass ein Versicherungsvermittler verpflichtet ist, Nachhaltigkeitspräferenzen zu ermitteln, sofern er eine fondsgebundene Lebensversicherung vermittelt – der gleiche Vermittler hierzu jedoch nicht verpflichtet ist, wenn er einen Fondssparplan vermittelt.“

Verkaufsprospekt ohne Produktmerkmale

Weil sich die neuen nachhaltigen Produktmerkmale zunächst häufig nicht in den Verkaufsprospekten niederschlagen, könnten Berater ab August keine haftungssicheren Produktempfehlungen geben. Sein Verband werde daher für die Vermittler entsprechende Kundenhinweise entwickeln, die über die Situation aufklären, um Haftungssicherheit zu gewähren. Wie in der Branche zu hören ist, könnte so ein Hinweis lauten, dass das Produkt in seiner Strategie zwar entsprechende Merkmale umsetzt, diese aber noch keine vertraglich zugesagten Produktmerkmale sind und die vertragliche Zusage erst später gemacht wird.

Auch weil die Details und Standards zu den Produktmerkmalen noch fehlen, haben Deutsche Kreditwirtschaft, Fondsverband BVI und Deutscher Derivate Verband DDV ein gemeinsames Verbändekonzept vorgelegt. Es sieht zusätzliche Mindeststandards wie zum Beispiel den Ausschluss bestimmter Branchen wie Rüstung und Tabak vor. Zusammen mit den EU-Vorgaben ergibt sich eine Gesamtstruktur. Ob Anleger die Referenzsysteme Taxonomie, Offenlegungsverordnung (SFDR) und Principal Adverse Impacts (PAI) und die Auswirkungen auf die Kapitalanlage wirklich bewerten können, sei mal dahingestellt.

Nicht genug Produkte

Es wird eine große Herausforderung für Vermittler, die Kundenwünsche mit dem vorhandenen Produktangebot zusammenzuführen. Der Mindestanteil an nachhaltigen Investitionen ist vom Kunden zu bestimmen. „Wenn der Kunde in der Beratung festlegen muss, wie hoch der Anteil nachhaltiger oder taxonomiekonformer Investments in einem Fonds sein soll, wird er wohl intuitiv 100 Prozent sagen“, zitiert die Börsen-Zeitung Gerhard Faust, Leiter Kapitalmarktprodukte bei der Deutschen Bank, in einem Artikel über das Fidelity-Web-Seminar „ESG-Regulierung im Vertrieb – wie geht es weiter?“. Je höher der vom Kunden gewünschte Anteil sein soll, desto geringer sei das verfügbare Produktangebot. Bei sehr hohen Taxonomie-Quoten stehe möglicherweise kein passendes Produkt zur Verfügung. Erst mit der Zeit werde der Markt ein ausreichend breit diversifiziertes Produktangebot entwickeln.

Die entsprechenden Vertriebsinformationen müssen vom Produktgeber kommen. „Ein Makler ist hier auf Informationen aus der Sphäre der Versicherer angewiesen“, betont Stephan Michaelis, Fachanwalt für Versicherungsrecht. In der von hoher Unsicherheit geprägten Anfangszeit der Nachhaltigkeitsberatung sei Kommunikation und Offenheit elementar wichtig. Ein Vermittler solle dem Kunden offenlegen, dass er auf vom Versicherer bereitgestellte Informationen zurückgreifen muss, ohne dass ihm eine Nachprüfung möglich ist.

Seinen Beratungspflichten werde ein Makler gerecht, wenn er die Nachhaltigkeitspräferenzen des Kunden abfragt und bei seiner Produktauswahl mit den Informationen des Versicherers abgleicht. Insofern, so Michaelis, gehe es jetzt zwar mit der Berücksichtigung von Nachhaltigkeitspräferenzen „richtig los“, aber irgendwie müsse sich alles noch entwickeln.