Ist Homöopathie als Kassenleistung noch finanzierbar?

Anne Mareile Walter Versicherungen

Angesichts des Milliardendefizits in der gesetzlichen Krankenversicherung entfacht FDP-Politiker Johannes Vogel eine neue Debatte: Er schlägt vor, homöopathische Behandlungen als Kassenleistung zu streichen. Die Pläne von Gesundheitsminister Lauterbach zur Sanierung des GKV-Defizits seien nicht ausreichend.

Krankenkassen Bild: esemelwe

Das milliardenhohe Defizit in der gesetzlichen Krankenversicherung fördert immer neue Vorschläge zutage: Die FDP bringt nun die Streichung der Homöopathie als Kassenleistung ins Gespräch. Bild: esemelwe

„Homöopathie soll jeder nutzen dürfen, ist aber nachweislich wissenschaftlich nicht wirksam.“ Mit diesem Satz bringt der FDP-Bundestagsabgeordnete Johannes Vogel angesichts der extrem angespannten Finanzlage in der gesetzlichen Krankenversicherung eine neue Maßnahme ins Spiel: Das Streichen von homöopathischen Behandlungen als Kassenleistung. Die Pläne von Gesundheitsminister Karl Lauterbach zur Finanzierung der GKV sind aus seiner Sicht nicht ausreichend genug.

Höhere Zusatzbeiträge für Versicherte

Lauterbach hatte Ende Juni angekündigt, das 2023 erwartete GKV-Defizit von geschätzt 17 Milliarden Euro unter anderem mit dem Rückgriff auf Reserven bei Krankenkassen und Gesundheitsfonds, einer Solidarabgabe der Pharmaindustrie sowie einem erhöhten Steuerzuschuss füllen zu wollen. Zusätzlich könnten auf Versicherte höhere Zusatzbeiträge zukommen. Konkret bedeutet das: Der durchschnittliche Beitrag soll um 0,3 Prozentpunkte angehoben werden, wodurch der Beitrag von 1,3 auf 1,6 Prozent steigt und Arbeitnehmer künftig 16,2 Prozent ihres Bruttolohns für die gesetzliche Krankenversicherung abführen müssen. „Was vorgelegt wurde, reicht noch nicht“, kommentierte Vogel nun die Pläne und fügte hinzu: Es müsse die Frage mit auf den Tisch, ob das Kollektiv der Beitragszahler verpflichtet werden könne, homöopathische Leistungen mit zu bezahlen.

Zum Leistungskatalog der GKV gehört Homöopathie nicht. Allerdings übernehmen viele Krankenversicherungen zumindest teilweise die Kosten für homöopathische Mittel und andere Naturheilverfahren. Die Ausgaben sind allerdings marginal: So zahlten nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums die Kassen im Jahr 2020 für homöopathische Medikamente rund 6,7 Millionen Euro, die Zahl der Verordnungen lag bei 540.000. Die Ausgaben für diesen Posten sinken seit Jahren kontinuierlich: Noch 2016 hatten die Krankenkassen 12,8 Millionen Euro für homöopathische Arzneien hingeblättert. Die gesamten Ausgaben für Arzneimittel beliefen sich dabei auf fast 47 Milliarden Euro.

Nach dem Vorschlag des FDP-Vizes meldeten sich prompt Verteidiger der Homöopathie zu Wort. „Davon halte ich gar nichts“, kommentierte beispielsweise der gesundheitspolitische Sprecher der CSU-Fraktion, Bernhard Seidenath, die Forderung nach Streichung der Leistungen. Im Bayerischen Rundfunk warnte er vor einem „Generalangriff auf die Homöopathie“, der die Gesellschaft spalte. „Ich sehe, dass es viele Menschen gibt, die auf Homöopathie schwören.“ Wenn ihnen die Behandlung helfe, sei es nicht richtig, diesen Menschen etwas „wegzunehmen“.

Kassen verleihen unseriösen Anbietern Legitimation

Allerdings – so die Journalistin und Homöopathie-Expertin Beate Frenkel in einem früheren procontra-Interview – gebe es auch eine weitere Kehrseite: So würde mit der Finanzierung homöopathischer Behandlungen durch die Krankenkassen auch unseriösen Anbietern Legitimation verliehen. Und: Es werde mit zweierlei Maß gemessen. Einerseits gebe es strikte Auflagen für die Zulassung von Medikamenten, deren Wirksamkeit durch Studien belegt werden muss. Auf der anderen Seite werde bei der Homöopathie ein solcher Wirkungsnachweis nicht gefordert. „Da wird etwas finanziert, das im schlimmsten Fall schaden kann“, sagte Frenkel.