Inflation: Verheerende Folgen für die Altersvorsorge

Hannah Petersohn Berater

Elf Millionen Haushalte in Deutschland können die Rentenlücke nicht aus eigener Kraft schließen, wie eine aktuelle Auswertung zeigt. Die Inflation verschärft das Problem noch einmal. Besonders Geringverdienende, Alleinstehende und Alleinerziehende sind betroffen.

Bild: Silvia Jansen

Mit der Inflation steigt die Notwendigkeit, stärker in die Altersvorsorge zu investieren. Gleichzeitig engen die gestiegenen Preise den Spielraum zum Sparen ein. Bild: Silvia Jansen

Während das Rentenplus in diesem Jahr so hoch war wie seit vier Jahrzehnten nicht mehr und um 5,35 Prozent in den alten und um 6,12 Prozent in den neuen Bundesländern angestiegen ist, droht künftigen Rentnern ein betrübliches Szenario.

Das Rentenniveau werde im kommenden Jahr leicht sinken, warnt Alexander Gunkel, Vorsitzender des Bundesvorstands der Deutschen Rentenversicherung Bund (DRV). Im kommenden Jahr werde es nur noch bei knapp über 48 Prozent liegen, in den darauffolgenden Jahren wird wohl nur die gesetzliche Mindestrente einen weiteren Rückgang verhindern.

Dass jedoch selbst 48 Prozent Rentenniveau nicht ausreichen, um den gewohnten Lebensstandard zu halten, zeigt eine neue Studie: Demnach seien 55 Prozent nötig. Die gesetzliche Rente allein wird also nicht ausreichen, um das Minus auszugleichen. Verbraucher müssen zusätzlich privat und/oder betrieblich vorsorgen.

Elf Millionen Haushalte sind betroffen

Die Studie des Beratungsunternehmens Prognos, eine Auswertung der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe von 25 Millionen deutschen Haushalten, die vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in Auftrag gegeben wurde, zeichnet ein düsteres Bild: Demnach können knapp elf Millionen Haushalte ihre Rentenlücke im Alter nicht aus eigener Kraft schließen.

Besonders von der Rentenlücke betroffen seien künftig Geringverdiener, Alleinstehende und Alleinerziehende. Schließlich ist bei ihnen das Sparpotenzial ohnehin schon gering. „In vier von zehn Haushalten mit Personen im Erwerbsalter ist der finanzielle Spielraum selbst dann zu klein, wenn sie ihr monatlich frei verfügbares Geld vollständig für die Altersvorsorge einsetzen würden“, sagt Prognos-Studienleiter Oliver Ehrentraut.

Sparbedarf für Gutverdienende am größten

Um herauszufinden, wie hoch der Sparbedarf jeweils ist, mithilfe dessen 55 Prozent des Einkommens im Alter erreicht werden soll, beziehen die Studienautoren unterschiedliche Einkommensklassen und Haushaltstypen in ihre Rechnung ein. Wer mehr verdient, kann jedoch nicht automatisch mehr sparen: Die finanziellen Belastungen unterschieden sich aufgrund der verschiedenen Lebenserhaltungskosten (wie Miete) zum Teil erheblich.

Zur Ermittlung des Sparbedarfs wird angenommen, dass ab dem 26. Lebensjahr bis zum Renteneintritt regelmäßig ein bestimmter Betrag angelegt wird. Davon werden 85 Prozent am Rentenmarkt und 15 Prozent in Aktien investiert. Das Ergebnis: Haushalte müssen monatlich im Durchschnitt 170 Euro pro Erwachsenem zurücklegen. Wer mehr verdient, kann jedoch nicht automatisch mehr sparen. Je höher das Haushaltseinkommen ist, desto mehr muss angespart werden, um den Lebensstandard halten zu können. Denn: Die Rente nimmt bei steigenden Einkommen nicht proportional zu, da Entgeltpunkte und damit Renten einer Höchstgrenze unterliegen.

Inflation minimiert Sparpotenzial

Das bestehende und allgemein bekannte Problem der Rentenlücke wird aktuell durch die Inflation noch einmal verschärft. Mit der Geldentwertung steigt einerseits die Notwendigkeit, stärker in die Altersvorsorge zu investieren. Doch gleichzeitig engt die Inflation den Spielraum zum Sparen derzeit ein. Gerade Geringverdienende haben kaum „nicht notwendige“ Ausgaben, die sie erst einmal zurückstellen können.

Während die Konsumausgaben aller Haushalte seit April 2021 um durchschnittlich 5,7 Prozent gestiegen sind, kletterten sie im untersten Einkommensviertel der Haushalte um 7,8 Prozent. „Die Mehrausgaben gehen dann zu Lasten des Sparpotenzials und damit der Altersvorsorge“, erklärt GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen.

Er plädiert deswegen für eine Erhöhung der Zulagen, sprich: für ein Fördersystem. Darüber hinaus wäre eine Lockerung der 100-prozentigen Beitragsgarantie notwendig, damit Anbieter von Altersvorsorgeprodukten das Geld der Kunden „chancenreicher“ anlegen können. Chancenreicher heißt allerdings auch riskanter. Asmussen spricht sich außerdem dafür aus, gesetzliche Vorgaben zu vereinfachen, wodurch die Kosten der Produkte sinken würden.