Inflation macht auch vor Versicherern nicht halt

Gastkommentar Versicherungen von Dr. Herbert Schneidemann

Ob Wohngebäude-, Kfz- oder private Krankenversicherung – die Auswirkungen der Inflation bekommen auch die Versicherer und letztlich auch deren Kunden deutlich zu spüren. Was nun erforderlich ist, um die Geldentwertung nicht zusätzlich zu befeuern, erklärt DAV-Vorsitzender Dr. Herbert Schneidemann in seinem Gastkommentar.

Dr. Herbert Schneidemann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV). Bild: DAV

Dr. Herbert Schneidemann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV). Bild: DAV

Seit Monaten erleben wir hierzulande und in ganz Europa einen seit Jahrzehnten nicht mehr erlebten Preisanstieg. Inflation war für viele Marktteilnehmende nur ein Begriff aus dem Geschichtslexikon, der nun plötzlich Realität wird – ohne große Vorwarnung und vor allem ohne große Vorbereitungszeit. 7,6 Prozent – so lautet inzwischen die Inflationsprognose der EU-Kommission für 2022, wobei der Rekordwert mit 8,4 Prozent erst im dritten Quartal erreicht werden soll. Und für 2023 sagen die Brüsseler Behörden einen weiteren Teuerungsschub von etwa vier Prozent voraus.

All das geht (natürlich) nicht spurlos an den Versicherungen vorbei. Vielmehr werden sich die Folgen der massiv gestiegenen Inflation nach unseren Analysen kurz- bis mittelfristig in nahezu allen Sparten niederschlagen. Die Vorboten sind bereits unübersehbar.

Indexe steigen stark an

So ist der beispielsweise in der Wohngebäudeversicherung wichtige Baupreisindex im vergangenen Jahr um über 14 Prozent gestiegen, der größte Anstieg seit 51 Jahren. Stark steigende Preise beobachten die Aktuarinnen und Aktuare aktuell auch bei Kfz-Ersatzteilen und Reparaturkosten, wodurch der sogenannte Reparaturkostenindex Kraftfahrt stetig höher wird. Auch wenn sich aus diesen Daten noch keine generelle Prognose zu künftigen Prämienentwicklungen ableiten lässt, da der Umfang und die Geschwindigkeit von Preisanpassungen stark unternehmensindividuell sind, weisen alle Frühindikatoren in eine Richtung.

Aber nicht nur in der Schaden-, sondern auch in der Privaten Krankenversicherung (PKV) sehen sich die Unternehmen mit deutlichen Preissteigerungen konfrontiert. Bisher war der medizinisch-technische Fortschritt Treiber der Gesundheitskosten, der durch die Inflation nicht per se beschleunigt wird. Nun ist zum Beispiel damit zu rechnen, dass die ohnehin seit Jahren steigenden Medikamentenkosten zusätzlich von steigenden Herstellungskosten getrieben werden. Es bleibt abzuwarten, welche Folgen die Inflationsentwicklung auf die kommenden Tarifabschlüsse und damit die Lohnkosten im Gesundheitswesen hat. Das ist die große Unbekannte in allen derzeitigen Modellen.

Maßvolle Tarifabschlüsse erforderlich

Aufgrund des komplexen Prämienanpassungsverfahrens in der PKV werden sich die inflationsbedingten Kostensteigerungen nach DAV-Prognosen flächendeckend frühestens in den PKV-Beitragsanpassungen für 2024 niederschlagen. Aber dies ist sehr stark von der Kollektivzusammensetzung und der Kostenentwicklung in den jeweiligen Unternehmen abhängig, sodass es hier unterschiedliche Entwicklungen von Versicherer zu Versicherer geben könnte.

Kurzum: Die Inflation wird vor den Versicherern nicht halt machen. Damit sie nicht gekommen ist, um auf Dauer zu bleiben, sind maßvolle Tarifabschlüsse in allen Bereichen erforderlich. Damit kann der Teufelskreis einer Lohn-Preisspirale vermieden werden, wohlwissend, dass das für die Verbraucherinnen und Verbraucher eine (hoffentlich kurze) Zeit sinkender Reallöhne bedeutet. Diese bittere Pille sollten wir bereit sein zu schlucken, um das Problem für die Zukunft nicht noch zu vergrößern. Allerdings sollten Politikerinnen und Politiker auch den Mut haben, dies offen auszusprechen. Es erhöht kurzfristig zwar nicht die Popularität – langfristig aber die Glaubwürdigkeit.