ESG-Report: So nachhaltig ist die Versicherungsbranche wirklich

Hannah Petersohn Versicherungen Top News

Die Versicherungswirtschaft wird als eine der ersten Branchen von den Folgen des Klimawandels betroffen sein, sind sich Experten einig. Dabei verfügen gerade Versicherer über erhebliche Mittel, um gegenzusteuern. Welche Fortschritte macht die Branche beim Thema Nachhaltigkeit?

ESG-Report: So nachhaltig ist die Versicherungsbranche wirklich Bild: Sasin Paraksa

Versicherungsunternehmen verfügen über immense Kapitalanlagen und haben damit eine erhebliche Steuerungswirkungen in Sachen Nachhaltigkeit. Bild: Sasin Paraksa

Überschwemmungen, Hitzetage und Starkwetterereignisse: Die Menetekel des Klimawandels sind greifbar nah. „Nachhaltigkeit ist eines der großen Themen unserer Zeit – auch für Versicherer“, erklärte Frank Grund, BaFin-Exekutivdirektor für Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht zu Beginn des Jahres.

Wirtschaftlich betrachtet, ist der Klimawandel gerade für die Versicherungsbranche von enormer Bedeutung: „Wir sind eine Branche, die als erstes davon betroffen ist“, mahnte jüngst Björn Bohnhoff, Vorstand Leben bei der Zurich während der Branchenveranstaltung. „Eine drei bis vier Grad wärmere Welt ist nicht mehr versicherbar“, warnte eindringlich Olga Hülsmann, Leiterin Kapitalanlagen-Monitoring bei der Axa auf der gleichen Veranstaltung.

Auf EU-Ebene sollen mittlerweile eine Reihe von Gesetzen und Rechtsakten wie die IDD-Änderungsverordnung, MiFID, die Taxonomie, die Transparenzverordnung und EIOPA-Leitlinien für eine nachhaltigere Wirtschaft sorgen. Ab August müssen dann auch Anlageberater gesetzlich verpflichtend die Nachhaltigkeitspräferenzen ihrer Kunden abfragen.

Und das Bewusstsein für die Gefahrenlage scheint in der Branche tatsächlich gestiegen zu sein: Demnach halten laut dem Allianz Risikobarometer immerhin 21 Prozent Entscheider, Manager, Makler und Experten aus der Branche den Klimawandel für ein größeres Risiko als den Ausbruch einer Pandemie oder makroökonomische Entwicklungen. Naturkatastrophen belegen mit 30 Prozent Zustimmung sogar den dritten Platz im Ranking der größten Geschäftsrisiken.

Insofern wäre es nur folgerichtig, wenn Unternehmen das Thema ganz nach oben auf ihre Agenda setzen. Aber tun sie das auch? Das wollte auch die Analysten der Ratingagentur Franke und Bornberg wissen und haben die Nachhaltigkeitsberichte und andere Berichte von 26 Versicherern aus dem Jahr 2020 überprüft. Von den 26 Teilnehmern haben 18 einen Bericht veröffentlicht. 

Weil es aber noch an verbindlichen Standards für ESG-Reports fehlt, habe man Unternehmen „auch nach selbstentwickelten Kriterien“ analysiert. Darüber hinaus haben die Unternehmen einen Katalog mit über 100 Fragen zum Nachhaltigkeitsverhalten beantwortet.

Das Fazit der Bestandsaufnahme: „Im Vergleich zum Vorjahr beobachten wir bei den Versicherern einige Fortschritte. Aber wie sonst auch gibt es ESG-Pioniere, Mitläufer und Nachzügler“, so Geschäftsführer Michael Franke.

Der größte Hebel für Nachhaltigkeit: Die Kapitalanlagen

„Der Klimawandel betrifft uns nicht erst morgen. Armut, Hunger, fehlende Bildung und schlechte Gesundheitsversorgung bedrohen weltweit unzählige Menschen, Regionen und ganze Staaten. Das muss sich ändern, und zwar schnell. Die Finanz- und Versicherungsbranche kann dabei einen wesentlichen Beitrag leisten“, ist Franke überzeugt.

Schließlich verfügt dieser Wirtschaftszweig über enorme Mittel: Im Jahr 2020 lag die Höhe der Kapitalanlagen der deutschen Versicherer bei 1.762 Milliarden Euro. Um zu verstehen wie viel Geld das tatsächlich ist, hilft ein Vergleich: Die Marktkapitalisierung der damals noch 30 DAX-Unternehmen lag bei „nur“ 1.081 Milliarden Euro. „Mit diesem Investitionsvolumen kann die Versicherungswirtschaft enorme Lenkungswirkung auf andere Unternehmen und Branchen entwickeln“, glauben die Analysten.

Geht es um konkrete Kapitalanlagestrategien seien Ausschlusskriterien am weitesten verbreitet. Mithilfe dieser sogenannten Negativ-Kriterien legen Unternehmen im Vorfeld fest, in welche Staaten, Branchen oder Unternehmen nicht investiert werden darf. 19 von 26 Versicherern beziehungsweise 77 Prozent und damit eine deutliche Mehrheit nutzen dieses Instrument.

Der Ausschluss ganzer Staaten schränkt die Möglichkeiten zur Kapitalanlage erheblich ein. Deswegen verzichten Versicherer häufig auf die Negativkriterien für Staaten. Schließlich wäre ein Investment in die USA, wo es weiterhin die Todesstrafe gibt, dann ausgeschlossen. Weitere häufige Ausschlüsse für Staaten sind Korruption, Verstöße gegen die Pressefreiheit und die fehlende Zustimmung zum Pariser Klimaabkommen. In Bezug auf Unternehmen schließen die Versicherer am häufigsten Investitionen in solche aus, die an der Herstellung kontroverser und geächteter Waffen beteiligt oder in der Kohlebranche tätig sind.

Seit der letzten ESG-Umfrage nutzen die Versicherer deutlich mehr Ausschlüsse für Unternehmen. So seien Kohle und Ölsande um 15,4 Prozent öfter ausgeschlossen worden. Den größten Anstieg beobachtet Franke und Bornberg bei Ausschlüssen für Öl und kontroverse Waffen: Sie kamen um 38,5 Prozent öfter nicht mehr in Frage.

Die Wasser-Strom-Gas-Korrelation

Allerdings kann nachhaltiges Handeln vieles bedeuten: angefangen bei der Kapitalanlagestrategie über die Weigerung bestimmte Branche überhaupt zu versichern bis hin zum Thema Führungsverhalten, dass dann nachhaltig wird, wenn es die Gesundheit der Mitarbeiter fördert. Auch die Angestellten selbst können den „grünen“ Wandel vorantreiben: Demnach sei der Wasserverbrauch der Versicherer um im Durchschnitt um zwei Kubikmeter je Vollzeitbeschäftigter gesunken. In der diesjährigen Erhebung habe der niedrigste Wert bei 4,2 und der höchste bei 20,25 Kubikmetern pro sogenanntem Vollzeitäquivalent (Vollzeitarbeitskraft) gelegen. Im Report vor zwei Jahren waren es mit 4,92 und 24,45 Kubikmeter noch deutlich mehr.

Auch der Stromverbrauch sei zurückgegangen: Er sei 2020 im Durchschnitt um knapp 200 Kilowattstunden (pro Mitarbeiter in Vollzeit) niedriger gewesen als es im Vorjahres-Report der Fall gewesen ist.

Apropos Stromverbrauch: Ein Ein-Personen-Haushalt verbraucht durchschnittlich rund 2.500 Kilowattstunden Strom pro Jahr. Diese Zahl haben die Analysten als Orientierungswert für Unternehmen herangezogen und herausgefunden: Von 20 Unternehmen, die dazu eine Angabe gemacht haben, ist es nur neun gelungen, diesen Wert nicht zu überschreiten. „Ein Ausreißer kommt sogar auf mehr als das zwanzigfache des Durchschnittsverbrauchs“, heißt es im Report. Energiebewusst zeigen sich hingegen die Bayern-Versicherung, DEURAG, die Bayerische, SV SparkassenVersicherung, Stuttgarter, Swiss Life, vigo, VOLKSWOHL BUND, Waldenburger und Zurich.

Ein Zusammenhang fällt dabei besonders auf: Wer viel Strom verbraucht, ist offensichtlich auch beim Thema Wasserverbrauch verschwenderischer. Das gleiche gilt beim Thema Heizverbrauch: Er ist bei jenen Unternehmen höher, die auch mehr Wasser verbrauchen. Das zeigt: Wer nachhaltig handelt, tut das meist auf vielen Ebenen gleichzeitig. Im Umkehrschluss gilt aber auch: Wer verschwenderisch wirtschaftet, verbraucht übergreifend mehr Ressourcen als andere.