„Ob Versicherungen oder Taxifahren – das ist doch ziemlich ähnlich"

Anne Mareile Walter Versicherungen Top News

 

procontra: Sie beraten Sammler, Galeristen, Restauratoren – worin bestehen die Unterschiede beim Versicherungsschutz?

Stephan Zilkens: Restauratoren werden versicherungstechnisch wie Handwerker behandelt. Wenn der Restaurator etwas kaputt macht, muss er nachbessern. Erfüllungsschäden gibt es nur bedingt und auch nicht mit hohen Summen. Und egal ob Museum oder Privatsammler – es ist immer eine Allgefahrendeckung vorhanden. Alle Risiken sind versicherbar, mit Ausnahme von Krieg, Streik, Aufruhr, Eingriffen von hoher Hand oder staatlicher Verfügung. Dabei ist die Deckung vom Grundsatz her gleich, der Unterschied liegt in der Prämie. So zahlt die Galerie der Versicherung eine deutlich höhere Prämie als ein Privatsammler. Der Privatsammler braucht eine klare Definition seines Besitzes und muss eine Liste haben, damit im Schadenfall klar ist, welche Regulierung es gibt. Galerien verfügen in der Regel über Kommissionsware, von Sammlern oder Künstlern. Ihr Geschäftsmodell basiert darauf, dass man sich mit dem Künstler entwickelt und sich mit ihm auch den Preis teilt. Der Versicherer muss den primär Geschädigten entschädigen, sprich den Künstler. Wir haben es eingeführt, dass auch der Galerist mitberücksichtigt wird, weil er den ganzen Aufwand hat. Da kommen dann auf den Kommissionswert 20, 30 Prozent obendrauf.

procontra: Welche Schäden werden in der Kunstsammler- und Galeristenszene am häufigsten angezeigt?

Stephan Zilkens: Das ist vor allem der Diebstahl. Das passiert in erster Linie bei Kunst, die von sich heraus einen hohen Materialwert besitzt, bei der beispielsweise Gold, Silber oder Edelsteine eingesetzt sind. Ein Hauptrisiko sind aber auch Beschädigungen durch Vandalismus. Also jemand steigt ins Haus ein, ärgert sich, dass er nichts findet und fängt dann an, die Kunst zu zerstören. Ein anderes hohes Schadenaufkommen resultiert aus schlecht ausgewählten Transportunternehmen. Um Kunst zu transportieren, muss man eine ganze Menge davon verstehen. Und die Paketdienste verstehen davon nichts, sind aber billig und werden deshalb gerne genutzt.

procontra: Zur Prämienkalkulation: Welche Rolle spielt dabei ein prognostizierter Wertzuwachs?

Stephan Zilkens: Der Wertzuwachs wird in den Versicherungsbedingungen berücksichtigt. Je nach Sammlungsgröße werden sogenannte Vorsorgesummen in den Vertrag eingebaut. Hier gilt ein bestimmter Wert plus x, der dann im Schadenfall nachgewiesen werden muss und für den man dann die Prämie entrichtet. Die bewegt sich im Promillebereich und steht in keinem Verhältnis zu dem was im Schadenfall dasteht. Es gibt Vorsorgesummen sowohl für Wertentwicklung wie für Zukäufe.

procontra: Wird es in absehbarer Zeit Versicherungslösungen für digitale Entwicklungen auf dem Kunstmarkt geben, wie für NFTs?

Stephan Zilkens: Das ist schwer einzuschätzen, im Moment gibt es da noch keine Lösung. Cyberversicherungen könnten helfen, wenn sie bereit wären, sich darauf einzulassen. Das sind sie aber nicht. Die Cyberversicherer sagen: Die Angriffe auf Unternehmen können wir nachvollziehen und da wissen wir, welche Produktionsausfälle passieren. Aber bei einem NFT, der an einem Tag 800 Dollar und am nächsten 64 Millionen Dollar kostet – da stottern die schon bei den Summen. Cyberdeckungen, die höher als fünf oder zehn Millionen Euro sind, sind extrem selten und ziemlich teuer.

procontra: Stichwort Ukrainekrieg und Rekord-Inflation: Wird in der aktuellen Krisenzeit vermehrt in Kunst investiert? Spüren Sie das an der Nachfrage?

Stephan Zilkens: Wir haben viele institutionelle Anleger als Kunden, die Kunst als ein Anlagevehikel nutzen und ansonsten in Immobilien, Gold und Aktienpakete investieren. Das ist für uns ein Thema. Aber es ist schwer, da eine direkte Kausalität herzustellen.

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