Hohe Nachfrage nach betrieblichen Pflegeversicherungen

Martin Thaler Versicherungen Top News

Die finanzielle Situation in der Pflegeversicherung wird immer dramatischer. Eine Lösung könnten betrieblichen Pflegeversicherungen sein. Erste Zahlen von Careflex und Hallescher Versicherungen machen Hoffnung – doch die Branche fordert Hilfestellung.

Pflegeversicherung Bild: Adobe Stock/scusi

Über 450.000 Beschäftigte sind mittlerweile über den CareFlex-Vertrag zusätzlich gegen das Pflegerisiko abgesichert. Auch andere Modelle verzeichnen eine hohe Nachfrage. Bild: Adobe Stock/scusi

Der jüngste Richterspruch aus Karlsruhe sorgt dafür, dass die Pflegeversicherung, beziehungsweise deren Finanzierung, komplett auf den Prüfstand gestellt werden soll. Ende Mai hatte das Bundesverfassungsgericht der Politik einen Tadel verpasst: Es könne nicht sein, dass die Zahl der Kinder bei den Beiträgen zur Pflegeversicherung überhaupt nicht berücksichtigt werde, monierten die Richter.  

Bis Ende Juli ist die Bundesregierung nun aufgefordert, die Pflegeversicherung familienfreundlicher zu gestalten, beispielsweise in Form von, je nach Kinderzahl, gestaffelten Beiträgen. Für die FDP ist das Urteil zugleich ein Ansporn, die gesamte Überprüfung der gesetzlichen Pflegeversicherung einmal in Augenschein zu nehmen. „Das System muss ja auch in Zukunft bei weiter steigenden Ausgaben finanzierbar sein“, erklärte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Lukas Köhler gegenüber der „Bild“.  

Milliardendefizit

Die finanzielle Lage der Pflegeversicherung ist eine der drängendsten Aufgaben für Minister Karl Lauterbach. Monat für Monat laufe derzeit ein Minus von 400 Millionen Euro auf, aufs Jahr gerechnet wird ein Defizit in Höhe von 3,5 Milliarden Euro erwartet, erklärte die Vorstandsvorsitzende des AOK Bundesverbandes, Carola Reimann, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.  

An Beitragserhöhungen – die Rede ist hier von bis zu 0,3 Prozentpunkten – führt offenbar kaum noch ein Weg vorbei. Die Alternative sind weiter steigende Steuerzuschüsse – angesichts der Schuldenbremse, auf deren Einhaltung die FDP pocht, dürfte diese aber in Konkurrenz zu anderen Staatszielen treten. Die Bundesregierung müsste sich also entscheiden, ob sie das ihr zur Verfügung stehende Geld in die Pflegeversicherung oder die Bekämpfung des Klimawandels stecken wolle.  

Auch für die Versicherten macht sich das Problem in immer höher steigenden Eigenanteilen bemerkbar. Wer so pflegebedürftig ist, dass er ins Heim muss, zahlt im Bundesdurchschnitt mittlerweile 2.179 Euro aus eigener Tasche – regional kann es noch wesentlich teurer werden. Die jüngste Pflegereform dürfte hieran kaum was ändern – denn sie gewährt lediglich Zuschüsse zu den reinen Pflegekosten. Kosten für die Unterbringung, die Verpflegung und für Investitionen des Pflegeheims zahlt der Pflegebedürftige also weiter allein.  

Verhängnisvolle Botschaft

Zwar könnte man sich mit einer privaten Pflegezusatzversicherung gegen dieses finanzielle Risiko absichern. Nur: Es macht kaum jemand. Staatlich-geförderte Pflegezusatzpolicen wie der sogenannte Pflege-Bahr hinken den in sie gesetzten Erwartungen weit hinterher – auch aufgrund der seitens der Politik vermittelten Botschaften, glaubt Timm Genett, Geschäftsführer Politik beim PKV-Verband. „Es wurde in den vergangenen Jahren eine Rundum-Sorgenlos-Botschaft verbreitet“, kritisierte Genett während eines Pressegesprächs des Verbands. Stattdessen wünscht er sich, dass die Politik das Bewusstsein für das Pflege-Risiko schärft. Und für mögliche Lösungen.  

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