Geldanlagen in Krisenzeiten: Im Zweifel für den Index

Investmentfonds von Heike Gorres

In kritischen Marktphasen wie in den ersten Monaten dieses Jahres stehen vor allem passive Anlageprodukte auf der Einkaufsliste. Dann kommen ihre spezifischen Vorteile zum Tragen.

Geldanlagen in Krisenzeiten: Im Zweifel für den Index Bild: ipopba

Im Zuge der aktuellen Unsicherheiten gestalten Vermögensverwalter und Asset Manager ihr Portfolio konservativer und haben Aktien verkauft. Im März haben die Aktienmärkte schließlich deutliche Tiefstände erreicht. Bild: ipopba

Im ersten Quartal 2022 haben ETF, börsengehandelte Indexfonds, auf dem europäischen Markt netto gut 38 Milliarden Euro an neu investierten Geldern verzeichnet. Indexfonds in Form von passiven Investmentfonds haben netto rund 18 Milliarden Euro an Neugeldern eingenommen. Aus aktiv gemanagten Fonds hingegen haben Anleger unter dem Strich nahezu 145 Milliarden Euro abgezogen, wie aus einem Bericht des Fondsanalysehauses Refinitiv Lipper hervorgeht.

Vor allem kräftige Abflüsse aus Geldmarktfonds haben dort zu Buche geschlagen – vermutlich auch, um Verlusten aus der Inflation entgegenzuwirken. Mischfonds haben als einzige Produktgruppe der aktiv gemanagten Fonds netto deutliche Zuflüsse erhalten. Offene Immobilienfonds, Alternative Fonds und als „andere“ klassifizierte Fonds haben eher marginal neue Anlegergelder verbucht.

In der Krise lieber passiv als aktiv

„Die Tatsache, dass die europäischen Anleger in Zeiten von Marktturbulenzen passive Produkte kaufen, ist nicht überraschend“, kommentiert Detlef Glow, Leiter des Researchs Europa, Naher Osten und Afrika (EMEA) bei Refinitiv Lipper und Autor des Berichts. Eine Mittelbewegung in Richtung passive Anlagen sei in Zeiträumen schwieriger Marktbedingungen eher der Normalfall, erläutert der Researcher mit Blick auf frühere Krisenjahre.

Im schwachen Börsenjahr 2018, mit Handelskonflikten der USA mit China und der EU und anhaltenden Brexit-Verhandlungen haben aktiv gemanagte Fonds am europäischen Markt deutlich mehr Ab- als Zuflüsse verbucht, während passive Portfolios mehr Zu- als Abflüsse registriert haben.

Das Gleiche war im Euro-Krisenjahr 2011 der Fall. 2008, im Jahr der Finanzkrise, haben aktiv gemanagte Produkte massive Geldabflüsse erlebt, während ETF deutliche Mittelzuflüsse verbucht haben. Passive Investmentfonds haben damals etwas mehr Gelder verloren als eingenommen.

Höchstmögliche Klarheit reduziert Risiken

„Gerade in unruhigen Zeiten wollen Anleger wissen, was sie im Portfolio haben, um gezielt Entscheidungen treffen zu können“, sagt Glow. „Bei ETFs kennen die Anleger die Indexkomponenten auf täglicher Basis sehr genau und können so beurteilen, ob sie diese im Portfolio haben wollen oder nicht. Sie können zudem aus der Indexbewegung ableiten, wie sich der ETF in ihrem Portfolio entwickeln sollte.“ Für passive Indexfonds gelte im Prinzip das Gleiche.

Aktiv gemanagte Fonds bieten demnach diese Transparenz nicht. Dort würden in der Regel die zehn größten Einzelwerte dargestellt sowie die Aufteilung des Fonds nach Ländern und Sektoren oder ähnlichen Kriterien aufgezeigt. „Aufgrund der aktiven Auswahl der Titel kann die Wertentwicklung erheblich von der der Benchmark oder dem Markt abweichen, was zu Unsicherheit führt“, meint Glow.

Dazu komme eine deutlich bessere Handelbarkeit von ETF im Vergleich zu Investmentfonds. Investoren könnten einen ETF während der Öffnungszeiten der entsprechenden Börsen jederzeit kaufen und verkaufen, wobei sie sofort den Preis für die Wertpapiere genannt bekommen.

Bei Investmentfonds dagegen gebe es vom Zeitpunkt der Order zum Kauf oder Verkauf bis zur tatsächlichen Ausführung eine Zeitverzögerung. „Aufgrund der Zeitverzögerung bei der Orderabwicklung wissen die Investoren den Kaufpreis beziehungsweise Höhe des Verkaufserlöses erst nach der Orderausführung, was zu ungewollten Überraschungen führen kann“, beschreibt der Beobachter.

Konservatives Portfolio soll Risiken minimieren

Transparenz und Handelbarkeit spielen auch für Markus Jordan, Gründer des ETF-Anlegerportals extraETF.com eine wesentliche Rolle bei den Mittelzuflüssen im ersten Quartal des laufenden Jahres, ebenso die Absicht, Risiken zu verringern. Im Zuge der großen Unsicherheit wollten Vermögensverwalter und Asset Manager ihr Portfolio konservativer gestalten und haben Aktien verkauft, meint Jordan. Im März haben die Aktienmärkte schließlich deutliche Tiefstände erreicht.

„Als sie wieder gedreht haben, wollten viele Investoren vermutlich möglichst schnell wieder einsteigen, um die Aufwärtsbewegung mitzunehmen. Das geht am besten über ETFs“, sagt der ETF-Spezialist. Die Chance auf einen Mehrertrag aus einem aktiv gemanagten Produkt sei in einer solchen Situation zweitrangig. „Der entgangene Nutzen, nicht investiert zu sein, wenn die Kurse wieder anziehen, wiegt dann schwerer als die Chance, mit einem aktiv gemanagten Fonds eventuell einen Mehrwert zu erzielen“, begründet Jordan.

Es könne daher gut sein, dass einige Kapitalverwalter im weiteren Jahresverlauf die ETFs wieder verkaufen und stattdessen wieder verstärkt auf aus ihrer Sicht gute Fondsmanager setzen. Die Bilanz am Ende des Jahres wird es zeigen.