Gegen „Flutdemenz“: Zurich kritisiert Katastrophen-Management

Anne Mareile Walter Versicherungen

Auf 40 bis 50 Milliarden Euro summierte sich der gesamtwirtschaftliche Schaden durch das Unwetterereignis „Bernd“ im vergangenen Sommer. Nun rollt die Zurich die Verfehlungen der Vergangenheit in einer Analyse auf – und fordert eine bessere Prävention.

Ahrtal Bild: J-Picture

Wie können Kommunen und Bevölkerung Unwetterkatastrophen wie der im Ahrtal künftig besser begegnen? Eine Analyse der Zurich gibt Aufschluss. Bild: J-Picture

Nach der verheerenden Unwetterkatastrophe im Sommer vergangenen Jahres flammt die Debatte um eine Elementarschaden-Pflichtversicherung immer wieder auf. Der GDV lehnt dies ab und verweist darauf, dass eine solche Police weder Menschenleben rette noch Schaden verhindere. Stattdessen legt der Branchenverband den Fokus auf die Prävention.

Überschwemmungen sind eine „Warnung für die Zukunft"

Mit einer aktuellen Analyse zum Extremwettereignis „Bernd“ schlägt der Versicherer Zurich nun in dieselbe Kerbe: In dem Bericht klären die Wissenschaftler - die unter anderem dem Zurich Flood Resilience Program  angehören – darüber auf, was zu den tragischen Ereignissen im Ahrtal mit mehr als 250 Todesopfern geführt hat und geben Empfehlungen, wie Kommunen und Bevölkerung derartigen Schadensereignissen in Zukunft besser präventiv begegnen können. „Die Überschwemmungen müssen als Warnungen für die Zukunft angesehen werden, nicht als eine Ausnahme, die sich nicht wiederholen wird“, schreiben sie in der Studie.

Dabei erstellten sie die Analyse auf Basis von E-Mails sowie Vor-Ort-Gesprächen mit Betroffenen und Einsatzkräften. Ihr Fazit: Es habe erhebliche Mängel bei der „Vorbereitung auf Ereignisse dieser Dimension“ sowie bei der „Bewältigung der Krise und dem Aufbauprozess“ gegeben.

Die Empfehlungen der Wissenschaftler im Einzelnen

  • Aktuelle Hochwassermodelle müssen grundlegend überarbeitet werden, so dass sie Hochwasserstatistiken sowohl historische Ereignisse wie zukünftige Auswirkungen des Klimawandels berücksichtigen
  • Eine bessere Verbreitung von Messstationen für Niederschlags- und Flussmengen, um Echtzeit-Aktualisierungen zu sich anbahnenden Ereignissen zu liefern
  • Das Katstrophenrecht über Länder und Regionen hinweg standardisieren
  • Ernennung eines Flutbeauftragten, der die Wiederaufbaumaßnahmen nach einer Katastrophe überwacht

Außerdem zeigen die Wissenschaftler in der Zurich-Analyse auf: Überschwemmungen in einer ähnlichen Größenordnung hat es im Ahrtal bereits 1804 und 1910 gegeben. Dies habe allerdings nicht zu den „nötigen Handlungen“ geführt. So seien Wasserschutzpläne, die daraufhin in 1920er Jahren entwickelt wurden, nie verwirklicht worden. Als das Ahrtal 2016 überflutet wurde, sei dies erneut als „Jahrhundertereignis“ bezeichnet worden. „Offenbar geraten Extremwetterereignisse zu schnell in Vergessenheit“, erklärt Michael Szönyi, Leiter des Flood Resilience Program bei Zurich.

Dafür spricht auch folgende Entwicklung: Heute, knapp ein Jahr nach „Bernd“, sei die Nachfrage nach Elementarschutzversicherungen wieder auf Vor-Katastrophen-Niveau angelangt. „Die Fähigkeit, mit Naturgefahren umzugehen, hat bei der Bevölkerung insgesamt nachgelassen“, sagt Szönyi. Daher müsse das Wissen, dass ein Hochwasser passieren und welche Ausmaße es annehmen kann, „stärker und dauerhaft bei den Menschen verankert werden.“

Gegen die „Flut-Demenz“ empfehlen die Autoren der Zurich-Analyse beispielsweise Hochwasser-Gedenktage sowie visuell auffällige historische Hochwassermarkierungen. Auch Schulungen und Übungen zur Evakuierung müssten aus ihrer Sicht geplant werden – ebenso der Umgang mit Alarmen. „Die verbale Dramatisierung als singuläres Katastrophenereignis führt zu einer intuitiv falschen Einschätzung der Ereigniswahrscheinlichkeit“, warnt Szönyi in dem Zusammenhang. Zudem würde sich die öffentliche Diskussion oft allein auf den Klimawandel als Ursache fokussieren. „Auch das verengt die Betrachtung unzulässig auf nur einen von zahlreichen Aspekten, die am Ende zu diesen Katastrophen führen. Die Prävention gerät aus dem Fokus“, fügt er hinzu.

Auch in Zukunft werden viele Häuser in Risikozonen gebaut

Wenn sich ein Haus in einer 100-jährlichen Hochwasserzone befindet, könne, so Szönyi, die Katastrophenflut in jedem beliebigen Jahr mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Prozent eintreten. Dabei habe dieses Haus eine Wahrscheinlichkeit von größer als 26 Prozent, mindestens einmal in 30 Jahren von einem 100-jährlichen Hochwasser betroffen zu sein. Bei einem Zeitraum von 100 Jahren erhöhe sich diese Wahrscheinlichkeit bereits auf mehr als 64 Prozent. „Mit Blick auf Kinder und Enkel wäre es somit fatal, in einer solchen Zone ein neues Haus zu bauen“, erklärt der Experte. Doch eine solche Einschätzung finde in der Realität wegen finanzieller oder anderer Hindernisse häufig keinen Widerhall. Daher prognostiziert der Wissenschaftler: Auch in Zukunft werden weiterhin viele Häuser in Risikozonen gebaut werden.