Experten warnen: Kfz-Prämien werden steigen

Hannah Petersohn Versicherungen

Die Schaden- und Unfallversicherer haben 2021 rote Zahlen geschrieben – das erste Mal seit Jahren. Diese Entwicklung könnte sich auch 2022 fortsetzen, glauben Experten der Assekurata-Rating-Agentur. Für die Kfz-Sparte prognostizieren sie weniger Neuzulassungen und steigende Prämien.

Der Markt für Kfz-Versicherer schrumpft Bild: Adobe Stock/bluedesign

Inflation, geopolitische Krisen, Naturereignisse und Pandemie: Die Kfz-Sparte ächzt unter verschiedenen Entwicklungen. Bild: Adobe Stock/bluedesign

Das vergangene Jahr war für Schaden- und Unfallversicherer kein sonderlich gutes: Verbuchte die Branche im Geschäftsjahr 2020 noch einen Gewinn von sieben Milliarden Euro, schrieben die Versicherer im vergangenen Jahr erstmals wieder rote Zahlen.

Dennoch sei das kein Grund zur Sorge, glaubt Dennis Wittkamp, Fachkoordinator Schaden-/Unfallversicherung der Assekurata Rating-Agentur und Autor einer aktuellen Untersuchung zum Thema: „Die hohen Elementarschäden haben die deutschen deutschen Schaden-/Unfallversicherer zwar stark belastet, aber nicht überlastet“, resümiert Wittkamp während der Web-Pressekonferenz zum „Marktausblick Schaden-/Unfallversicherung 2022/2023“.

Zumal die Prämien abermals angestiegen sind: Seit 2009 verbuchte die Branche einen kontinuierlichen Anstieg von 54,7 Milliarden auf 76 Milliarden Euro (2021). Mit 2,2 Prozent war der Zuwachs 2021 jedoch geringer als im Mittel der vergangenen zehn Jahr (2,9 Prozent). Zugleich erhöhte sich die Versicherungsleistung deutlich von 51,3 Milliarden Euro (2020) auf 62,3 Milliarden Euro (2021).

„Die Elementarschäden drücken die Profitabilität der Versicherer. Das Schadenereignis ,Bernd' macht einen Großteil der Schäden aus, aber auch sonstige Ereignisse haben zu einer hohen Schadenbelastung geführt“, so Wittkamp. Die kombinierte Schaden-Kosten-Quote (Combined Ratio) stieg in Folge von 90,7 Prozent in 2020 auf 102 Prozent im vergangenen Jahr. Damit ist die Schaden-Unfall-Sparte das erste Mal seit 2013 wieder ein Verlustgeschäft für die Versicherer. Das Minus lag demnach bei anderthalb Milliarden Euro. Sieben Unternehmen haben demnach im mehrjährigen Durchschnitt nicht die Gewinnzone erreicht, „einige arbeiten dauerhaft defizitär“.

Kfz: Weniger Schäden, aber steigende Schadenhöhe

In der Kfz-Sparte lag die Schadenbelastung 2021 mit 23,8 Milliarden Euro ebenfalls höher als im Vorjahr (22,1 Milliarden Euro). Ein Schaden sei weitaus kostspieliger geworden als es in der Vergangenheit der Fall gewesen sei. Eine Entwicklung, die auch in der Fahrradversicherung zu beobachten ist – und die wohl so schnell nicht gebremst werden wird. Nach wie vor sind die Lieferketten gestört, Ersatzteile sind oft nur schwer zu bekommen, die Reparaturkosten steigen.

Wenngleich die Kraftfahrtversicherung unter einen hohen Schadenlast ächzte, habe sich die Sparte dennoch ertragreich gezeigt. „Die Kraftfahrtversicherung profitierte vor allem von der geringeren Schadenbelastung in der Kraftfahrthaftpflicht, welche vornehmlich auf die Pandemie zurückzuführen ist“, so Wittkamp.

Die Analysten gehen davon aus, dass die Schadenhäufigkeit auch in diesem Jahr weiter sinken könnte. Zum einen liege das an neuen Arbeitsmodellen: Immer mehr Unternehmen gewähren ihren Mitarbeitern Homeoffice, die Pkw-Pendelei fällt also bei vielen Beschäftigten weg, Unternehmen haben ihre Flotten stillgelegt. Darüber hinaus könnten auch die gestiegenen Benzinpreise eine nicht unerhebliche Rolle bei der Frage spielen, ob das Auto wirklich benutzt werden muss oder es andere, kostengünstigere Optionen gibt – die zugleich meist auch ökologisch verträglicher sind.

Kfz-Markt schrumpft

Die durchschnittlichen Prämien seien in der Kfz-Versicherung das zweite Jahr in Folge zurückgegangen. Für die Unfall-/Schadensparte sagen die Analysten für dieses Jahr ein marktweites Beitragswachstum unterhalb der 2,2 Prozent aus dem Jahr 2021 voraus. Auch 2022 werde vor dem Hintergrund der anhaltenden Inflation aus Ertragssicht erneut ein schwieriges Jahr für die Branche sein. „Zusätzlich dürfte die Inflation bei Ersatzteilen, die in der Regel nochmals deutlich oberhalb der normalen Inflation liegt, die Schadenbelastung der Versicherer weiter steigen lassen und somit Prämienerhöhungen am Jahresende erfordern“, prognostiziert der Assekurata-Experte.

Daneben seien die Neuzulassungen und die Besitzumschreibungen merklich zurückgegangen. „Die Kfz-Versicherer haben es also erstmals seit langem mit einem schrumpfenden Markt zu tun“, erklärt Wittkamp. Wenngleich der Anteil an E-Autos weiter ansteigen dürfte und deren Absicherung noch mit großzügigen Rabatten gefördert werde, weisen E-Fahrzeuge um ein Viertel höhere Schadenkosten auf als die herkömmlichen Benziner.

Darüber hinaus drosseln die Analysten die hohe Erwartungshaltung, die die Branche an autonome Assistenzsysteme hat: Sie könnten zwar die Schadenhäufigkeit verringern, doch ist angesichts der Tatsache, dass das durchschnittliche Alter von Fahrzeugen bei zehn Jahren liegt, kein zeitnaher Effekt zu erwarten. „Es wird dauern, bis sich das über die Bestände gelegt hat“, so Wittkamp.

Die geopolitischen Entwicklungen und damit einhergehende fiskalpolitische Folgen dämpfen die Aussichten auf das aktuelle Jahr für die Schaden-Unfall-Versicherer insgesamt. „Pandemie, Krieg in der Ukraine, steigende Zinsen, Inflation sind nur einige der Einflussfaktoren, welche die Branche im Geschäftsjahr 2022 beschäftigen werden. Die hohe Unsicherheit für die Unternehmen ergibt sich insbesondere daraus, dass die verschiedenen Einflussfaktoren zum Teil in Abhängigkeit zueinanderstehen, teilweise aber auch gegenläufige Auswirkungen haben.“ Generell sei es noch nie so schwer gewesen für die Analysten, eine Prognose zu wagen. Die geopolitischen Unwägbarkeiten seien zu groß.

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