ESG-Investments: „Klären, was ›Nachhaltigkeit‹ bedeutet"

Investmentfonds von Marilena Piesker

Nachhaltigkeitssiegel wie „ESG“ erfreuen sich bei Anlegern wachsender Beliebtheit. Doch nicht jedes ESG-Investment ist auch wirklich nachhaltig. Wie Vermittler sichergehen können, ihren Anlegern nur lupenreine Produkte zu empfehlen, verrät Henrik Pontzen, ESG-Experte beim Vermögensverwalter Union Investment, im Interview.

Henrik Pontzen, Bild: Union Investment

Henrik Pontzen, ESG-Experte beim Vermögensverwalter Union Investment, Bild: Union Investment

procontra: Herr Pontzen, wie können Vermittler sichergehen, dass Sie Anlegern lupenreine ESG-Investments empfehlen?

Henrik Pontzen: Wichtig ist, dass Berater darauf achten, welche Ausschlusskriterien Anbieter wie beispielsweise Fondshäuser bei ihren Produkten anwenden. Es gibt Fonds mit strengen und welche mit lockeren Ausschlusskriterien. Wirklich nachhaltige Angebote erkennen Vermittler daran, dass es ein strenges Auswahlverfahren gibt, das auch offen erklärt wird. Nennt ein Fondshaus dieses gar nicht oder nur vage, ist das ein schlechtes Zeichen. In solchen Fonds befinden sich oft viele Aktien, die gerade anspruchsvolle nachhaltige Anleger nicht in ihrem Portfolio haben wollen.

procontra: Zum Beispiel?

Pontzen: Zwei gute Beispiele sind sicherlich Atomkraft und Erdgas. Entsprechend der EU-Taxonomie dürfen die beiden Energieformen offiziell in nachhaltigen Fonds enthalten sein. Ob das allerdings den Wünschen nachhaltig orientierter Anleger entspricht, halte ich für fraglich. Wir beobachten den Stromkonzern RWE zum Beispiel schon länger als einen der Vorreiter in Sachen Transformation hin zu sauberer Energie. Noch hat der Versorger allerdings Anteile an Atomkraftwerken, weswegen wir die Aktien in keinem unserer nachhaltigen Fonds halten. Nicht alles, was erlaubt ist, ist eben auch nachhaltig.

procontra: Wie können Vermittler Anlegerwünschen besser gerecht werden?

Pontzen: Indem sie ihre Kunden nach deren Präferenzen fragen. Und da gibt es gerade in Sachen erneuerbare Energien große Unterschiede. Daher sollte auch hier natürlich geklärt werden, was Nachhaltigkeit für die jeweilige Person bedeutet und ob das zu der Strategie eines Fonds passt. Wir setzen zum Beispiel auf einen Mix aus Best-in-Class-Ansatz und Transformern.

procontra: Sie setzen also nicht nur auf die nachhaltigsten Unternehmen, sondern auch auf jene, die große Anstrengungen unternehmen, nachhaltig zu werden?

Pontzen: Richtig. Wir investieren nicht nur in die grünen Vorreiter wie Windkraftunternehmen oder Wasserstoffproduzenten – die sogenannte Speerspitze der Nachhaltigkeit. Sondern eben auch in Unternehmen, die zum Beispiel aus der Chemiebranche kommen. Solche Unternehmen müssen ambitionierte Pläne vorlegen und diese verlässlich verfolgen, um für uns investierbar zu sein. Nur wenn gerade die braunen Unternehmen grün werden, können wir eine nachhaltige Zukunft erreichen.

procontra: Sie empfehlen erneuerbare Energien nur als Beimischung?

Pontzen: Richtig – wenn Anleger wirklich auf eine nachhaltige Welt setzen und gleichzeitig etwas mehr Sicherheit in ihr Depot bringen wollen. Das ist ja logisch: je breiter die Streuung, desto geringer das Risiko.

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