ESG-Abfragepflicht: Chance oder Chaos?

Gastkommentar Berater

Angesichts der unübersichtlichen Gemengelage beim Thema Nachhaltigkeit verlieren viele den Glauben an die Sinnhaftigkeit der regulatorischen Vorgaben, kommentiert Rechtsanwalt Norman Wirth, geschäftsführender Vorstand des Bundesverband Finanzdienstleistung AfW.

ESG-Abfragepflicht: Chance oder Chaos? Bild: procontra

Kritisiert das Chaos kurz vor dem Inkrafttreten der ESG-Abfragepflicht: Norman Wirth, geschäftsführender Vorstand des Bundesverband Finanzdienstleistung AfW. Bild: procontra

Was der Branche beim Thema Nachhaltigkeit geboten wird, ist schon ein dolles Ding. Wir erleben eine exorbitante Überbürokratisierung und eine extreme Verkomplizierung über die verschiedensten, kaum noch überschaubaren Regelungen und Begrifflichkeiten (EET, ESG, CSRD, PTF-ESRS, PAII, SFDR ...).

Das Momentum geht verloren. Selbst enthusiastische Unterstützer des Nachhaltigkeitsgedanken – und dazu zähle ich mich auch – verlieren den Glauben an die Sinnhaftigkeit vieler regulatorischer Vorgaben. Die Gefahr ist groß, dass wir darüber auch die Adressaten der Regulierung verlieren: die Kundinnen und Kunden und die Vermittlerschaft.

Hinzu kommt nun auch noch das Chaos beim Inkrafttreten der verschiedensten Pflichten. Für die Versicherungsvermittlung, für alle Finanzberaterinnen unter einem Haftungsdach, für alle Banken und Vermögensverwalter gilt als Stichtag für den Beginn der Pflicht zur Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen bei den Kunden der 2. August 2022.

Für alle mit gewerberechtlicher Zulassung nach Paragraf 34f plötzlich nicht mehr. Und das nur, weil in der deutschen Finanzanlagenvermittlungsverordnung (FinVermV), die die Tätigkeit von 34f-Vermittlern regelt, in Paragraf 16 Absatz 1 Satz 3 auf eine europäische Delegierte Verordnung verwiesen wird - die Delegierte Verordnung 2017/565. Deren Artikel 54 wurde zwischenzeitlich durch eine andere Delegierte Verordnung (2021/1253) geändert, worin die Nachhaltigkeitspflichten verankert sind.

Da die Verweisung als statisch und nicht als dynamisch anzusehen ist, gelten aber die neuen Pflichten erst einmal nicht und die FinVermV muss nun inklusive Beteiligung des Bundesrates wegen Pfusch erst noch geändert werden. Verstanden??? Im Ergebnis: Chaos – und doch gleichzeitig eine große Chance!