Bundesbank rät: Renteneintritt an die Lebenserwartung koppeln

Anne Mareile Walter Berater

42-Stunden-Woche oder Rente mit 70? Die Debatten zur Reform der gesetzlichen Rente reißen nicht ab. Nun bezieht die Bundesbank Stellung und hat Szenarien durchgerechnet, damit der Bundeshaushalt von einer alternden Gesellschaft nicht überlastet wird.

Bundesbank Bild: AscentXmedia

Die finanzielle Absicherung im Alter wird immer mehr zur unlösbaren Aufgabe: Um die gesetzliche Rentenversicherung auf ein finanzierbares Fundament zu stellen, rät die Bundesbank zur Rente mit 69. Bild: AscentXmedia

Ist im Jahr 2070 die Rente mit 69 Alltagsrealität? Geht es nach dem aktuellen Monatsbericht der Bundesbank, wäre eine solche Anhebung des Renteneintrittsalters langfristig zumindest sinnvoll. Denn – so schreiben die Volkswirte in der Studie – nur so ließen sich ein enormer Anstieg der Rentenversicherungsbeiträge wie der Steuerzuschüsse dämpfen.

Rentenbeitrag könnte auf 29 Prozent steigen

Ohne Erhöhung des Renteneintrittsalters drohe hingegen dieses Szenario: 29 Prozent des Bruttolohns müssten Arbeitnehmer und Arbeitgeber im Jahr 2070 an die Rentenkasse bezahlen. Zum Vergleich: Aktuell liegt der Beitragssatz bei 18,6 Prozent. Parallel kämen auf den Bundeshaushalt erhebliche Mehrbelastungen zu: Die Bundeszuschüsse müssten in einem Maß angehoben werden, das einer Erhöhung der Mehrwertsteuer um sechs Prozent entspricht.

Das Resümee der Bundesbank lautet daher: Statt das Renteneintrittsalter einzufrieren, solle es an die steigende Lebenserwartung gekoppelt werden. Damit würden nach Berechnung der Volkswirte die Bundesbürger im Jahr 2070 mit 69 Jahren Rente beziehen.  

Leistungskürzungen wie Beitragserhöhungen hat die regierende Ampelkoalition derweil in der gesetzlichen Rente ausgeschlossen, stattdessen hält sie weiter an der sogenannten „doppelten Haltelinie“ fest. Einer Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre erteilte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil kürzlich ebenfalls eine klare Absage. Wie die Rente aber angesichts der sich verschärfenden demografischen Situation finanziert werden soll, bleibt unklar. Wirtschaftswissenschaftler und Rentenexperten hatten in der jüngeren Vergangenheit darum mehrfach eine Koppelung des Renteneintritts an die steigende Lebenserwartung ins Spiel gebracht..

Auch die Bundesbank weist in ihrem Bericht darauf hin, dass in vielen EU-Ländern das Rentenalter längst parallel zur Lebenserwartung angehoben werde. „Die Kopplung dämpft den Druck auf Beitragssatz und Bundeshaushalt spürbar“, schreiben die Volkswirte. Gleichzeitig würden längere Erwerbsphasen nicht nur die individuellen Renten steigern, sondern auch die Beschäftigungsraten erhöhen. Und dies ziehe wiederum eine höhere Wirtschaftsleistung und höhere Steuereinnahmen nach sich. „Es erscheint insgesamt gut nachvollziehbar, dass etliche nationale und internationale Beratungsgremien Deutschland eine solche Ausgestaltung empfehlen“, heißt es im Bericht der Bundesbank.

In einer weiteren Simulationsrechnung untersuchten die Volkswirte zudem den Fall, dass die Renten nicht parallel zu den Löhnen steigen, sondern nur noch die Steigerung der Verbraucherpreise berücksichtigt wird. In diesem Szenario wären die Renten in der Bezugsphase von der Lohnentwicklung abgekoppelt. Rentner müssten dann zwar mit einem sinkenden Versorgungsniveau leben, hätten aber auch keine Kürzungen ihrer Bezüge zu befürchten.

Keine Handlungsempfehlungen an die Regierung

Von konkreten Handlungsempfehlungen an die Bundesregierung sieht die Bundesbank in ihrem Monatsbericht ab. „Es ist eine politische Entscheidung, wie die demografischen Lasten auf Erwerbstätige, Steuerzahlende und Rentenbeziehende verteilt werden“, heißt es. Die Regierung solle allerdings „durch langfristige, plausible Vorausberechnungen aufzeigen, welche Auswirkungen die beabsichtigte Reform aus heutiger Sicht unter plausiblen Annahmen haben wird.“ Dabei sollten die Berechnungen auch denjenigen eine Orientierung bieten, die aktuell am Beginn ihres Erwerbslebens stehen.