Zur Lage der PKV: Höhere Beiträge, weniger Vollversicherte

Hannah Petersohn Berater Versicherungen

Die Lage der privaten Krankenversicherer ist diffizil: Durch die gestiegenen Prämien verzeichnet die Branche ein Plus. Auch das Zusatzgeschäft entwickelt sich weiter positiv. Doch erreichen die Anbieter das gewünschte Klientel noch nicht.

Zur Lage der PKV: Höhere Beiträge, weniger Vollversicherte Bild: Adobe Stock/Damir Khabirov

Die Lage der privaten Krankenversicherer ist durchwachsen: höhere Beiträge, weniger Vollversicherte, dafür ein Plus im Zusatzgeschäft. Bild: Adobe Stock/Damir Khabirov

Im vergangenen Jahr sind die Beitragszahlungen in der privaten Krankenversicherung um rund 2,6 Milliarden Euro gestiegen. Die Analysten des aktuellen Assekurata-Marktausblicks zur privaten Krankenversicherung verkündeten am Donnerstag einen „Rekordzuwachs bei den Prämien 2021“. In diesem Jahr gehen die Experten zwar von einer geringeren Erhöhung aus, die Sicherheitslage der Versicherer bleibe dennoch stabil.

Die für Kunden weniger erfreulichen Beitragsanpassungen haben demnach das versicherungsgeschäftliche Ergebnis entsprechend gesteigert. Dabei liegen die Beitragserhöhungen in der PKV immer noch unter denen der gesetzlichen Krankenversicherer, so Alexander Kraus, Fachkoordinator Krankenversicherung der Rating-Agentur. „Absolut stiegen die Beiträge in der GKV vor 2022 schneller als in der PKV. Seit 2011 sind die Beiträge in der PKV laut PKV-Verband um drei Prozent gestiegen. In der GKV waren es 3,3 Prozent.“

„Trotz der auf den ersten Blick guten Situation der PKV-Branche hat diese mit einigen Ungewissheiten zu kämpfen. Die Corona-Pandemie ist weiterhin nicht vorbei und Auswirkungen von Long-Covid noch nicht prognostizierbar “, sagt Kraus.

Leistungsausgaben nur geringfügig erhöht

Ebenfalls positiv für die Branche: Die Leistungsausgaben sind zwar im Vergleich zu 2020 um 2,1 Prozent angestiegen, der Anstieg befindet sich aber immer noch unter dem Vor-Pandemie-Niveau 2019, der damals bei 4,71 Prozent lag. Insgesamt sind die Versicherungsleistungen allerdings weiter in die Höhe geklettert: von 30,8 Milliarden Euro (2020) auf 31,4 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Kraus warnt indessen von einem Nachholeffekt: Ob Kunden verschobene Krankenhausaufenthalte oder Behandlungen nachholen, die dann die Ausgaben entsprechend ansteigen lassen, bleibe abzuwarten. „Ebenso gilt es, das Thema Long-Covid und dessen Auswirkungen weiter im Auge zu behalten. Bislang konnten die Versicherer hauptsächlich den Leistungsanstieg im Krankentagegeld eindeutig Covid- und Post-Covid zuordnen“, so der Assekurata-Experte.

Es stehen also höhere Beitragsanpassungen auf der einen Seite einer – wenn auch nur moderaten – Steigerung der Leistungsausgaben gegenüber. Dennoch gehen die Versicherer mit einem positiven versicherungsgeschäftlichen Ergebnis aus dem Vorjahr hervor: Die Branche verzeichnete ein Plus von rund 24 Prozent und damit einem Anstieg von 5,6 Milliarden Euro auf 6,9 Milliarden Euro.

Problemkind: Die Vollversicherung

Im Zuge der Pandemie befürchteten die Versicherer noch, dass viele Kunden durch Zahlungsschwierigkeiten in die Sozialtarife wechseln müssen. Diese Sorge hat sich jedoch nicht bestätigt. Vielmehr gab es im Notlagentarif sogar einen Rückgang von 5,2 Prozent auf 83.500. Auch die Befürchtung, dass mehr Verbraucher in die GKV zurückkehren, weil sie im Zuge der Pandemie von der Selbstständigkeit in das Angestelltenverhältnis wechseln könnten, sollte sich nicht bewahrheiten.

Warum der Wechselwille allerdings gering ist, darüber lässt sich nur mutmaßen. Eine mögliche Ursache könnte sein, dass die Versicherten im Zuge der Pandemie den Wert der Gesundheit höher einschätzen als zuvor und deswegen auch eher bereit sind für das kostbare Gut tiefer in die Tasche zu greifen beziehungsweise den Versicherungsschutz aufrechterhalten möchten. Darüber seien, so Assekurata-Mann Kraus, die Anbieter den Versicherungsnehmern durch großzügige Stundungen der Beiträge im vergangenen Jahr entgegengekommen und haben ihren Kunden den Wechsel in günstigere Tarife mit Rückkehrrecht angeboten.

Trotz dieser kulanten Vorgehensweise hat die PKV ein Problem: Sie steht vor einem Nettobestandverlust von rund 9.000 Versicherten. Und das obwohl seit 2018 wieder mehr Menschen aus der GKV in PKV wechseln als andersherum. Darüber hinaus ist die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst gestiegen und lag 2020 bei fünf Millionen, was sich eigentlich positiv auf die Anzahl der PKV-Versicherungsnehmer auswirken müsste. „Die PKV hat ein Zugangsproblem: Sie ist erklärungsbedürftig“, resümiert Kraus. Aus seiner Sicht gelingt es den Versicherern nicht, die gutverdienende Klientel zu erreichen und als Kunden zu gewinnen.

Zusatzgeschäft noch stärker im Fokus

Jene Versicherer, deren Wachstum positiv ausfällt, punkten im Beihilfegeschäft. „Das Wachstum findet nur im Bereich der Beihilfe statt“, erklärt Kraus. Die schwächelnde Vollversicherung verschiebt nicht erst seit heute den Fokus auf das Geschäft mit Zusatzversicherungen, das im vergangenen Jahr um vier Prozent gewachsen ist. Mit einer kleinen Einschränkung: Der Zuwachs ist in erster Linie auf das Wachstum in der betrieblichen Krankenversicherung (bKV) zurückzuführen. Nimmt man nämlich die bKV aus der Statistik raus, bewegt sich das Wachstum nicht mehr bei vier, sondern bei zwei Prozentpunkten. Zahntarife sind mit insgesamt rund 17 Millionen Policen unangefochtener Verkaufsschlager.

Das zweitgrößte Plus bei den Zusatzpolicen entsteht mit einer Zuwachsrate von 6,1 Prozent durch GKV-Versicherte, die ihren Schutz auf diese Weise erweitern. Während 2019 noch 20,8 Millionen Menschen einen solchen Zusatz abgeschlossen haben, waren es im vergangenen Jahr schon 22 Millionen. Der größte Zuwachs mit 9,4 Prozentpunkten allerdings entsteht durch das Geschäft mit Pflegezusatzversicherung. Stand 2021 haben insgesamt 4,3 Millionen Menschen eine solche abgeschlossen (2019: 3,9 Millionen).

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