Riesterrente: „Die Branche hat das Pferd totgeritten“

Hannah Petersohn Berater Versicherungen

An Riester scheiden sich die Geister: Während die Versicherungsbranche die Fahne hochhält, kritisieren Verbraucherschützer das Produkt als ineffizient und renditeschwach. Zudem profitiere nur eine Seite von Riester: die der Versicherer.

Riester: „Die Branche hat das Pferd totgeritten“ Bild: Adobe Stock/Stocker

Während die einen auf das Riester-Pferd setzen, kritisieren andere das Vorsorgeprodukt als ineffizient, renditeschwach und "totgeritten". Bild: Adobe Stock/Stocker

Kommt das Thema Altersvorsorge aufs Tablett, kochen die Gemüter schon mal hoch – gerade innerhalb der Versicherungsbranche. Besonders groß ist die Garantie auf Echauffage beim Stichwort Riesterrente. „Wir sind vielleicht die Totengräber, aber die Branche hat das Pferd totgeritten“, kritisiert Lars Gatschke vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv).

Der Verbraucherschützer holt zu einem Rundumschlag gegen die Branche aus: Die Produktkosten seien zu hoch, bei Geringverdiener komme, entgegen anderslautenden Behauptungen, die Förderung gar nicht an. Kurzum: Riester sei ineffizient, so Gatschke auf der der MCC-Fachkonferenz „LebensVersicherung aktuell“ am Mittwoch in Köln. Zudem sei Riester von vornherein nur dazu gedacht gewesen, die damalige Absenkung in der Rentenversicherung zu kompensieren, im Sinne einer Ergänzung. Aber: „Riester funktioniert nicht, wie geplant.“

Zankapfel: Riester

Zu Beginn des Jahres hatte der vzbv-Chef Klaus Müller unumwunden das Aus des privaten Altersvorsorgeprodukts gefordert: „Die Riester-Rente ist nicht zukunftsfähig und braucht mit einem guten Bestandsschutz tatsächlich eine Neuregelung“, sagte der Verbandschef im Januar und zeigte sich dabei enttäuscht von der derzeitigen Ampel-Regierung. Schließlich hätten die Parteien bereits vor der Wahl deutlich gemacht, dass sich Riester vor allem für eine Seite lohne: die Versicherer. Übereinstimmend hätten sich die Politiker geäußert, dass das derzeitige System unbedingt reformiert werden müsse. Im Koalitionsvertrag ist hingegen nur die Rede von „Prüfaufträgen“, konkrete Absichtserklärungen? Fehlanzeige. „Da hat der GDV stark reinverhandelt“, mutmaßt Gatschke.

Ohnehin setzt sich der Abwärtstrend bei der Anzahl der Riesterverträge fort, wenn auch erst einmal nur geringfügig: Wurden 2020 noch 10,68 Millionen Versicherungsverträge im Bestand gezählt, sank die Anzahl im vergangenen Jahr auf 10,67 Millionen. Auch die Gesamtzahl, also einschließlich Versicherungs-, Bankspar-, Investmentfondsverträgen sowie Wohn-Riester/Eigenheimrente, sackte um 158.000 auf nunmehr 16,211 Millionen ab, wie die aktuellen Daten des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) zeigen. Während die Versicherungswirtschaft am bestehenden System festhält und lediglich Nachbesserungen fordert, bezeichnete BdV-Mann Kleinlein die Riester-Rente als einen „seit vielen Jahren müffelnden Ladenhüter. Eine leichte Steigerung der Verkaufszahlen auf sehr niedrigem Niveau ändert daran nichts“.

„Die Vorsorge im Versicherungsmantel ist unflexibel und renditeschwach.“

Er sieht das Problem vor allem darin, dass nicht jeder Mensch hierzulande in der Lage sein, für die Altersvorsorge Geld beiseitezulegen. Die drängende Frage sei: „Sparfähig oder nicht?“ Verbraucher, die nicht zusätzlich privat vorsorgen können, müssen in der gesetzlichen Rentenversicherung angemessen abgesichert sein, so Gatschke. Die Extrarente solle die gesetzliche Rente nicht ersetzen, sondern ergänzen, wenn Verbraucher auch sparfähig sind.

Auch an der betrieblichen Altersvorsorge (bAV) lässt er kaum ein gutes Haar. „Die Portabilität ist ein großes Thema. In Zeiten der gebrochenen Erwerbsbiografien ist das ein Problem“, resümiert er und setzt zum großen Final an: „Die Vorsorge im Versicherungsmantel ist unflexibel, suggeriert eine hohe Sicherheit, ist renditeschwach.“ Schließlich sparen Arbeitnehmer kein eigenes Vermögen an, sondern erhielten lediglich den Anspruch auf die spätere Leistung des Versicherers. Indessen sagen die Versicherer ihren Kunden eine garantierte Verzinsung zu, dabei seien die Garantieversprechen der Anbieter eben gerade das nicht: garantiert. Und weil die Versicherer risikoreiche Anlagen unter Solvency II mit zusätzlichem Eigenkapital unterlegen müssen, investieren sie vorrangig in festverzinsliche, renditeschwache Rentenpapiere.

Most Wanted: Sozialpartnermodell

Eine insgesamt, vorsichtig ausgedrückt, eher mittelprächtige Situation, weswegen Gatscke dringend dafür plädiert, die bAV zu stärken – zum Beispiel indem auch in Anlagen investiert wird, die höhere Renditen versprechen. Zusätzlich müsse das bereits in der vorletzten Legislaturperiode auf den Weg gebrachte Sozialpartnermodell nun umgesetzt werden.

Selbst über ein Jahr nach der Verkündung ist bei der sogenannten Nahles-Rente noch nicht allzu viel passiert. Dabei loben auch zahlreiche Experten den Ansatz, die Arbeitgeber von der Haftung für die Betriebsrenten zu entlasten. Zuletzt hatten sich immerhin der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) und die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) in ihrem Tarifabschluss auf das erste branchenweite Sozialpartner-Modell für die betriebliche Altersvorsorge verständigt. Zuvor war bekannt geworden, dass für die Angestellten des Talanx-Konzerns ebenfalls ein solches Modell angeboten werde. Hier steht jedoch – auch ein Jahr nach dessen Verkündung – weiterhin die Zustimmung seitens der BaFin aus.

Generell setzen die Verbraucherschützer darauf, dass ein öffentlich verantworteter Fonds aufgesetzt wird, was einer aktienbasierten Anlagestrategie entsprechen würde. „Es handelt sich um einen Opt-Out, das braucht niemand zu machen, der nicht will“, beschwichtigt Gatschke. Er wirbt für das schwedische Modell, also eine Verwaltung der eingezahlten Beiträge durch staatliche Kapitalverwaltungsgesellschaften.

Transparenz-Hinweis: procontra ist Medienpartner der MCC-Fachkonferenz „LebensVersicherung aktuell“.

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