pro/contra: Rettet die Aktienrente das System der gesetzlichen Altersversorgung?

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Henriette Wunderlich (Referentin für Alterssicherung und Arbeitsmarkt, Sozialverband Deutschland): Contra

Es ist richtig, dass wir über die Zukunft der gesetzlichen Altersversorgung in Deutschland reden müssen. Hintergrund ist die demografische Entwicklung: Auf immer mehr Rentner*innen kommen immer weniger Beitragszahlende. Wird hier nicht gegengesteuert, gerät das sogenannte Umlageverfahren, nach dem die aktuellen Beitragszahler*innen die Renten der aktuellen Rentner*innen finanzieren, in eine Schieflage. Daraus schlussfolgern die einen, dass die gesetzliche Rente nicht mehr finanzierbar sei, ein Generationenkonflikt zwischen den Jungen und Alten ausbreche und die einzige Lösung in mehr Kapitaldeckung zu finden sei. Die Aktienrente sei dafür eine geeignete Lösung.

Dem widersprechen wir als SoVD ganz deutlich. Denn es ist eine Illusion zu glauben, dass der demografische Druck an den Kapitalmärkten haltmacht. Er wird dort genauso zu spüren sein, wenn sich die Zahl der Einzahlenden verringert und die der Empfänger*innen anwächst. Außerdem ist es auch wichtig zu sehen, aus welcher Ecke genau solche Forderungen kommen und welche wirtschaftlichen Interessen dahinterstehen. Dazu nur ein Vergleich: Die Verwaltungskosten bei der gesetzlichen Rentenversicherung belaufen sich auf ca. 1,4 Prozent; bei Riester-Verträgen fließen im Durchschnitt bis zu 25 Prozent in die Verwaltungsgebühren.

Aktienrente wälzt individuelle Risiken auf den Einzelnen ab

Die gesetzliche Rentenversicherung hat in den vergangenen 130 Jahren nur einmal verspätet die Rente ausgezahlt. Das war nach dem Ende des 2. Weltkrieges. Sie zahlt zudem nicht nur Altersrenten aus, sondern auch Hinterbliebenen- und Erwerbsminderungsrenten. Außerdem bietet die gesetzliche Rente Rehabilitationsleistungen und Elemente des sozialen Ausgleichs, wie die Anerkennung von Kindererziehungszeiten, die sogenannte Mütterrente, und Zeiten von Pflege. Die gesetzliche Rente übernimmt damit eine wichtige solidarische Funktion in unserer Gesellschaft.

Deshalb weisen wir ganz deutlich darauf hin, dass mit der Einführung der Aktienrente genau diese solidarischen Elemente unter die Räder geraten würden, da diese vorsieht, dass ein Teil des Beitragssatzes in die Aktienrente fließt. Einmal ganz davon abgesehen, dass dadurch noch kein Cent mehr für die Rente insgesamt ausgegeben wird. Auch ist bisher nichts darüber bekannt, wie eine Aktienrente beispielsweise eine Erwerbsminderung absichern kann und soll. Individuelle Risiken werden damit auf den*die Einzelne*n abgewälzt.

Es ist außerdem ein Fakt, dass niemand weiß, wie sich die Aktienmärkte tatsächlich in den kommenden Jahrzehnten entwickeln werden. Die Rentenversicherung hingegen hat schon 130 Jahre bewiesen, was sie leisten kann, obwohl sie schon des Öfteren tot geschrieben wurde. Bewahrheitet haben sich diese Prognosen nicht. Im Gegenteil: Es sah immer besser aus als befürchtet. Deshalb: Lassen Sie uns das Geld lieber in ein sicheres, erprobtes und kostengünstiges System stecken – die umlagefinanzierte gesetzliche Rente. Dass dafür auch Nachbesserungen am aktuellen System notwendig sind, bleibt unbestritten. Wir sollten aber ehrlich sein: In der aktuellen Debatte um Kapitaldeckung geht es vor allem um eine Verteilungsfrage. Sollen die Aufwendungen für die Altersvorsorge weiterhin solidarisch von Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden gezahlt werden oder wird die Altersvorsorge weiter zu einer privaten Verantwortung der Menschen?

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